Dienstag, 26. September 2017
Wiesn Almanach 2017 - ein Drama mit fünf Ausgängen
mit Kalle "Pleite" Bargeld, dem Murmler, und einemaria, sowie natürlich dem Adabei. Ein Dank vorab an lunzn weinseppl und münchen-kotzt.de, dem eigentlichen Initiationsritus aller Wiesnkunst und Wiesngänger, für all die herrlichen Jahre der Einstimmung.
Sagen wir mal so: da arbeitet man das ganze Jahr auf eine ordentliche Wiesn hin, hängt mit dem Wirt vom Noagerlzelt ab, recherchiert, tüftelt am Satzbau und dann kommt die Wiesn und man ist nicht bereit. Die Maß ist nur halb voll und das Hendl noch blutig, die Krachlederne hängt noch im Stall und das Dirndl ist noch ganz fleckig von der letzten Nacht. Trotzdem dürfen wir Ihnen dieses Jahr folgende Geschichten anbieten. Das Sammelsurium auch der letztjährigen Beiträge finden Sie unter der Rubrik 'Saufside'. Und alle, die es interessiert, wollen wir hiermit auch gleich zum Abschlusstreffen im Noagerlzelt einladen. Prost Mahlzeit oiso...

* I had a dream - der Bierpreiß beim Noagerlwirt

* Erst der Krieg hat das Bier gebracht - und das Bier den Krieg

* Der Noag - Interview mit einem Pestwirt

* Das Noagerlzelt manifestiert sich

* Dirndl und Bierpreis, Sex und Rausch, C-Stoff und T-Stoff, das Triebgemisch des Nationalsozialismus

Der Pasinger Komet

Dazu muss man wissen, daß der Halleysche Komet nur auftaucht, wenn die Wiesn Jubiläum feiert. 1835 zum 25., 1910 zum 100. und 1985 zum 125jährigen Jubiläum.
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Dirndl und Bierpreis, Sex und Rausch, C-Stoff und T-Stoff, das Triebgemisch des Nationalsozialismus
Was soll man der Wiesn schon wünschen zum 180.Geburtstag. Wie meine Oma mit über 100 Jahren auf dem Buckel sehr weise bemerkt hat: 'Gott hat mich vergessen'. Man sieht nix mehr, man hört nix mehr und zum Glück riecht man auch nicht mehr viel. Es ist an der Zeit derselben zu folgen.

Aber weil wir in München immer noch Wohnungsnot haben und auch die Straßenzustände in Anbetracht der endlosen Baustellen scheinbar nicht die besten sind, brauchen wir Geld, Geld, Geld. Und wo fließt das am reichlisten? Vom Bottich ins Faß ins Glas und zurück in den Münchner Geldbeutel - wenngleich nicht in jeden, sondern vorwiegend zu den wenigen Reichlichsten.

Leider hat man nicht auf mich gehört vor gut 20 Jahren, als ich vorschlug, doch die Rechte auf "made in Germany" zu verkaufen, so lange es noch den entsprechenden Ruf hat. Jetzt wäre es an der Zeit, auch die Wiesn zum Höchstpreis abzustoßen und das Geld an alle Leidtragenden zu verteilen. Denn bei aller Konsumorientierung braucht man auch Konsumenten, die ausreichend verdienen, um ihre Konsumgier zu befriedigen. Da hilft es wenig, Millionen Touristen für drei Wochen nach München zu locken.

Zwischen Dirne und Dirndl - zwischen Saloon Kitty und KZ-Bordellen

Das Dirndlwird ab etwa 1870 als Trachtenkopie beim städtischen Sommerfrischepublikum immer beliebter. Es dauert rund 50 Jahre bis das Dirndl nun zunehmend auch von den Bürgerinnen der weniger gehobenen Schichten getragen wird. Entscheidend dafür ist nicht nur der günstige Preis, vor allem in Anbetracht der Weltwirtschaftskrise 1929, sondern auch das Gefühl, sich städtisch-modern kleiden zu wollen. Mit der Operette "Im weißen Rössl" von 1930 kam dann der bundesweite Trend und die von den Gebrüdern Wallach in München entworfenen Stoffe, übrigens auch auf Hitlers Berghof, so richtig ins Rollen, bis das Unternehmen 1938 arisiert wurde.

Richtungsweisend nachgefragt wird diese Entwicklung in dem höchst aufschlussreichem Interview von Reinhard Jellen mit Elsbeth Wallnöfer in Telepolis vom 27.Sept 2012: "Wenn man heutzutage die Lederhosn- und Dirndl-Brigaden wohlgemut zum Oktoberfest marschieren sieht, kommen ganz klar Assoziationen an eine für den Spaß uniformierte Gesellschaft auf. Sehen Sie irgendwelche mentale Konvergenzen zwischen dem hochkommerzialisierten Sauf-, Brunz, Kotz- und Fickfest auf der Theresienwiese und der Nazi-Ideologie?"

Mit der Übernahme durch die Reichsbeauftragte für Trachenarbeit, Gertrud Pesendorfer, von der Mittelstelle Deutsche Tracht, wurde nicht nur Juden das Tragen des germanischen Kleides verboten, sondern wurde das Dirndl auch von scheinbar Artfremdem wie Krägen und Ärmeln befreit, entkatholisiert und wurzelecht arisiert. Man möchte fast sagen, es wurde der in ihrem Unterbewußtem entmannten Sexualität des Nationalsozialismus gleichgestellt, um nicht zu sagen pädophilisiert, wie wir das auch bei Hitlers 'Liebe' zu seiner Nichte Geli Raubal oder seiner asexuellen Bindung mit der 23 Jahre jüngeren Eva Braun beobachten können.

Der totale Rausch

Nicht von ungefähr war es ein Bierhaus-Putsch, der in einen krankhaften, todbringenden Rausch der Massen überging.
So wurde auch der Bierpreis auf der Wiesn das erste mal in seiner Geschichte 1925 mit Einführung der postinflationären Mark von 50 Reichsmark (1922) auf 1 Mark (1925) 'herabgesetzt'. 1933 im Zuge des Ermächtigungsgesetzes geschah dies ein zweites und letztesmal in seiner Geschichte (von 1,10 Mark auf 90 Pfenning).
Es ist zu vermuten, daß es ohne einen massiven Rauschzustand nicht geklappt hätte, die folgende Massenvernichtung menschlichen Materials auszulösen, wie man das in Norman Ohlers Buch "Der totale Rausch. Drogen im Dritten Reich" sehr schön nachlesen kann. Bier und Schnaps für die Massen, Crystal Meth/Panzerschokolade für die Soldaten und Kokain für die Führungsriege.

Dem Vegetarier und Nichttrinker, aber Kokser und Tablettenfreak Adolf Schicklgruber, genannt Hitler, hat das Oktoberfest sicher nicht geschmeckt, seinem verfressenem Stellvertreter Göring natürlich schon. 'Sie ist für den Münchner etwas Heiliges und darf nicht angetastet werden', hieß es allerdings aus des Führers Munde und so wurde sie schlicht in "Großdeutsches Volksfest" umgetauft und mit deml braunen Geist dermaßen infiziert, daß der Emigrant Rudi Hiller von einer Veranlagung des Übersprung des Funkens von Volkstümlichkeit zur Tierischkeit spricht (siehe Spiegel-Artikel 'Wie Hitler das Oktoberfest stahl').

Die Schießbuden kommen ganz groß in Mode unter dem Motto "Üb Aug und Hand fürs Vaterland" und 1935 reitet die SS mit dem Münchner Kindl an der Spitze auf dem Oktoberfest ein. 1937 werden 175 Tausend Besucher aus dem gesamten Reich mit "Kraft durch Freude"-Sonderzügen herangekarrt. 1942 ist es dann aber auch mit der laut Goebbels zur "Rummelbewegung" verkommenen Kraft durch Freude vorbei, die doch mehr Kraft als Freude bringen sollte. 1938 werden die Abnomitäten-Shows aufgrund der Erb- und Rassenpflege verboten und es findet ein Umzug unter dem Titel "Tausend Jahre Jagd und Tausend Jahre Tracht" statt, während der uniforme Faschismus selbst den weiß-blauen Anstrich von Maibäumen verbietet. Für die jüdischen Teilnehmer ist es natürlich schnell vorbei mit einem Besuch auf der Wiesn oder gar dort zu arbeiten. Nur die Zigarettenfirma Reemtsma, dem späteren Vertreiber der Wehrmachts-Zigarette, bleibt es erlaubt, mit der "Salem-Schau" noch orientalische Aspekte auf der Wiesn zu zeigen.

Ein Wahl in Blau - die erschreckende Wiederkehr

Auf der ersten Nachkriegswiesn 1949 wurden die Schießbuden durch Wurfball-Geschäfte ersetzt und auch das Dirndl verabschiedete sich aus dem Alltag. Ich musste mich zu meiner Schulzeit zwar noch in die grauenvolle, kurze Krachlederne zwängen, doch wenn möglich trugen die Frauen Nylonstrümpfe und jeder normale Münchner ganz normale Hosen.

Über Jahrzehnte konnte man mehr und mehr das Gefühl bekommen, daß es vorbei war mit dem Nazi-Wahnsinn, mit der Komformität und dem Willen aus dem Schützengraben heraus gegen die bleierne Front des Volksfeindes in den Tod zu stürmen. Auf der Wiesn gab es auch am Wochenende Plätze in den Zelten und während sich die Erwachsenen der neuen Gemütlichkeit hingeben konnten, liefen die Kinder auch mal alleine mit 10 Mark zu den Fahrgeschäften. Selbst die Totale Vernichtung des Geistes wurde vorwiegend vor die Stadtmauern ausgelagert - wie dem Dachauer Volksfest und dem Germeringer Weinfest.

Die Zivilgesellschaft hielt wieder Einzug in die ehemalige Hauptstadt der Bewegung. Noch 1970 trug kaum jemand ein Dirndl auf Volksfesten, wie das trachtenheimat.de feststellt, ... ab den 1990er Jahren jedoch änderte sich dies schlagartig: Die Dirndl kamen wieder mehr und mehr in Mode.
Auch dem zunehmdem Zulauf auf das Oktoberfest konnte selbst der für das Münchner Verständnis unverschämt stark steigende Bierpreis kaum Einhalt gebieten.

Eine neue Art gefühlter Faschismus scheint sich durch die Stadttore zu drängen. Ein Konsumfaschismus, wo mehr einfach immer besser ist.

Wie der mit der Großindustrie verheiratete Nationalsozialismus schon damals seinen perversen Trieb zu untermauern wußte, indem er unter anderem die althergebrachte lokale Tracht durch ein allgermanisches Dirndl ausschaltete, wird auch jetzt wieder der Markt mit einer falschen Tradition überschwemmt, um seine neoliberale, menschenverachtende Ideologie an den Mann und die Frau zu bringen.

Wenn sich bei dieser Sachlage die CSU dann wundert, daß ihnen die AFD in Bayern die absolute Mehrheit abzwackt bei einer Bundestagswahl an einem Wiesnsonntag, muß man sich wundern. Und einem dem Volkswillen scheinbar nahestehendem Wiesn-Chef und zweitem Bürgermeister Josef Schmid (CSU) könnte man fehlenden geschichtlichen Überblick unterstellen, wenn zeitgleich noch die Deckelung des Bierpreises einfordert, wo man doch eigentlich weiß, daß billiges Bier zumindest in Wahljahren in einer Krisenzeit nicht zwangsläufig zu einem guten Wahlergebnis führt.

Der hemmungslose Großkapitalismus wirds ihm zwar danken, aber die Belohnung bekommt trotzdem Gelb-Blau.

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Donnerstag, 14. September 2017
Das Noagerlzelt manifestiert sich
Historische Koordinaten

1. Mai 1844, einhundertsechsunddreißig Jahre und 94 Tage bevor ich im Betonkoloss von Großhadern aus meiner Mutter Schoß kroch, zogen wütende Scharen der arbeitenden Bevölkerung – oder Hackler – durch die Münchner Straßen, zertrümmerten und zerstörten alles in ihrer Reichweite, inklusive oder insbesondere Schankstuben, öffentliche und behördliche Einrichtungen (siehe auch Erst der Krieg hat das Bier gebracht - und das Bier den Krieg). Der König, das Schwein, hatte sich an den Bierpreis gewagt und weil, wer hackln geht außer dem kleinen und dem großen Rausch recht wenig Freude an seinem Leben findet, hatte der bayerische Souverän damit etwas Hundsgemeines getan. Die Strafe für´s Ficken ist bekanntlich das ungewollte Kind, die Strafe für den Suff sind lediglich ein zwei Tage miserablen Katzenjammers. Und wenn auch beiderlei Lust oft miteinander einhergehen und auf den Kater die Bekenntnis zum Kind oder zur damals noch viel schmerzvolleren und gefährlicheren Abtreibung folgt, fühlten sich die Hackler – was eben die wenige vorhandene Lebensfreude anging – gehörig in die Enge getrieben.
Nach ein paar Tagen und als sogar das Militär nicht auf Seiten des Schweins hatte mitspielen wollen, war der Spuk vorüber und das Bier wieder zum gewohnten Preis zu haben. Wiedereinmal war klar, dass man den Hacklern besser langsam und stetig das Leben vermiesen sollte und auf all zu große Sprünge zu verzichten gut beraten sei.

Hamburg, Anfang Juli 2017. Alle wissen noch Bescheid, dazu muss nichts gesagt werden. Außer das Eine: da trafen sich die Herrscher der 20 reichsten Volkswirtschaften und diskutierten ein Minimalmaß an Kooperation, um sich die lästigen, armen Schlucker daheim und in der Restwelt vom Hals zu halten. Man muss nicht befreundet sein, um gemeinsame Feinde zu haben.

Später Juli 2017. Die deutschen Autokonzerne werden um etwas Ablass gebeten. „Lasst sie bluten! Aber nur ein paar Tropfen, weil meine Nichte und ich da angestellt sind.“ Dailmer, MBW, IDAU usw. hatten sich bei ihrer Preisbildung abgesprochen, ein Kartellverstoß. Nun ist Autofahren nicht gerade die beruhigende Sorte Rausch, die eine Belegschaft müde, dafür mit viel Zucker im Blut bei der Stange hält. Dennoch passt die kleine Preisgemeinheit ganz gut in unsere Reihe des Schindluders mit den hackler´schen Begehrlichkeiten. Wäre ja auch scheiße, wenn der Steinbrecher Toni mit dem gleichen Hobel in die Arbeit käme, wie sein Chef.


„Scheiße ändern“
(Zitat eines US-amerikanischen Bürgerrechtlers; im Original: „Change shit“)

Aufruf

Hackler aller Länder kommt zu uns und sauft umsonst! Wies´n umsonst ist die Devise und dass wir uns zurück ertrinken, was uns seit Jahrzehnten wucherhaft aus den löchrigen Taschen gezogen wurde.
Warum auf der Wies´n? Weil der Mensch ein Mensch ist und auf ein Neues den Sommer hinter sich lassen muss, um sich ein gutes halbes Jahr durch klirrende Morgenkälte und pissende Himmel in die jeweilige Maschinerie zu schleppen, sei es ein Büro, eine Fabrikhalle, ein Außendienst oder jegliche Form von Bildungseinrichtung. Es wird Winter und wenn das kein Grund ist, sich zu besaufen, dann gehe ins Fitnessstudio wer mag, der Rest geht auf die Wies´n und fordert sein Recht ein.

Und wenn die Ersten von den Verteidigern der Zapfhähne niedergemacht sind und die allseits verhasste Polizei den Übrigen die Knochen bricht, wir werden euer scheiß Bier vernichten, wie wir es immer getan haben und die fettleberigen Toten werden aus ihren Gräbern kriechen und kotbeschmiert alles zerreißen, was sich ihnen in den torkelnden Weg zu stellen wagt. Blut in den Biergärten, Häute und Fleisch in den Gassen und auf umgestürzten Bierkutschen. Wirte wird man heulen sehen und mit letzten Kräften die Barkassen und Aktienpakete in ihre offenen Bäuche stopfen, ins letzte Versteck.
Und wenn es nicht klappt, dann machen wir das 13. Zelt auf, das Zelt für die armen Schlucker, für die Habenichtse, für den Rest, eben unser Zelt – das Noagerlzelt.

Das Noagerlzelt

Vor dem oben angeführten historischen und zeitgenössischen Hintergrund und weil eben wieder mal kein Blut fließen wird, ein Bierglasgemetzel ausbleiben wird, führen wir die neue Kategorie des Noagerlzeltes ein. Dort wird die zurückgelassene Brühe der sechs angestammten Münchner Brauereien plus Käfer-Zelt und dieser anderen Sekt-Schleuder, deren Namen mir entfallen ist, vereint, den genuin Rauschinteressierten und vor allem den Rauschbedürftigen für lau, das heißt umsonst zur Verfügung gestellt.
Wir weisen schon im Vorfeld jede Verdächtigung der heimlichen Kooperation mit den Besitzenden vehement zurück. Man wird uns den lacken Rest nicht freiwillig und unentgeltlich überlassen. Schon gar nicht werden die Regulatoren des Geländes ein stinkendes, von Kotze, Pisse, Scheiße und Sexualsekreten überlaufendes Festzelt in ihrer Mitte dulden. Das Noagerlzelt ist eine metaphysische Institution, ist das Lallen im Subtext und das Torkeln der Dissidenten mitten unter dem fröhlich sich verarschen lassenden Pöbel.

das Wappen des Noag

(eine Gastarbeit vom Murmler Charlie)
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Der Noag - Interview mit einem Pestwirt
Wir erinnern uns: Ende der 1990er Jahre versuchte ein unlauterer Brauer und Prinz von soundso Einzug auf dem Oktoberfest zu halten. Der damals adoleszente heutige Wirt des Noagerlzeltes hatte seit einem Jahr einen Bock zu verdauen, den er mit der Abgabe seiner Wählerstimme an die Sozis geschossen hatte. Die Agenda 2010 war in der Mache und der Nochnichtwirt stand an seinem Fenster, schaute verdrießlich auf die Kreuzung Ridler- und Geroltstraße, als er den schwind´ligen Regensburger Tross aus einem Karren mit Bierfässern und zwei Dutzend halbstarker Bankkaufmannsgesellen anrücken sah. Der Prinz auf dem Kutschbock hatte wohl vor, hinterrücks und durch den Bavariapark auf der Wiesn einzufallen, was jedoch – der werdende Wirt am Fenster musste schmunzeln – kurzerdings von einer zweiköpfigen Polizeistreife unterbunden wurde. Prinz und Gefolge drehten – derlei Manöver waren nicht bedacht worden – unbeholfen und etwas empört auf der Ridlerstraße um und traten den Heimweg an.

Redaktion (R): Herr Wirt, Sie haben den missglückten Regensburger Sturm als prägend beschrieben?

Noagerlwirt (N): Ja, da war mir klar: „Die Taxler (Anm.: Regensburger Adelsgeschlecht) stellen sich saublöd an. Das mach ich besser eines Tages.“

R: Waren Sie damals betrunken?

N: Ich denke ja.

R: Aber Sie waren doch bereits auf der Wiesn vertreten?

N: Das schon, nur halt als Randerscheinung.

R: Hatten Sie einen Bubenstreich im Sinn?

N: Vielleicht. Aber du musst bedenken, das war Ende der 90er. Schröder und seine Gang sind ein Jahr an der Macht, ich werde bald daheim ausziehen müssen. Hartz4 hat zwar noch nicht seinen Namen, zeichnet sich aber am Horizont recht deutlich ab und bei meiner Studienwahl, würde ich mit 98 prozentiger Wahrscheinlichkeit daran teilhaben, früher oder später.

R: Sie wollten sich ein zweites Standbein schaffen neben der drohenden Stütze?

N: Du verstehst unseren Gedanken falsch. Wir vom Noagerlzelt verdienen kein Geld mit dem was wir tun. Bei uns gibt es nichts zu kaufen, wir sind der Abfall der Gesellschaft und wir trinken Abfall. Wer dazugehört, weiß dass er dazugehört...

Schichtbeginn

R: … oder sie...

N: Oder sie. (Schneidet die obere Hälfte einer Bierdose ab, schürzt die Lippen und trinkt vorsichtig den darin enthaltenen Rest) Du musst wissen, ich habe schon gewusst, wo ich dazugehör und wo ich mal landen würde, damals mein ich.

R: Ihnen war damals klargeworden, dass Sie zur Unterschicht gehören würden? Aufgewachsen sind Sie ja recht behütet.

N: Behütet oder nicht, in meinen Adern fließt die Soach, verstehst Du, das ist eine Einstellung zum Leben und zum Trinken, die in unserer Familie liegt, da kannst noch so viel Gymnasiast sein oder hochbesteuerte Eltern haben.

R: Noagerlsaufen ist also kein Phänomen der Unterschicht?

N: Doch, schon. Aber nicht nur. Wie halt das alte Sprichwort sagt, kriegst du den Hund von der Straße weg, aber niemals die Straße aus dem Hund heraus.

Der Jägerstand

R: Ein altes Kleinbürgerthema.

In einem Bierglas auf unserem Tisch schwimmt ein Zigarettenstummel. Eine Fliege versucht sich aus ihrem nassen, gelben Grab an der Kippe hoch ins Trockene zu arbeiten. Zappelnde schwarze Beinchen im falschen Element, verklebte, aderige Membranen durchsichtiger Flügel, der Stummel rollt mangels Reibung an der Oberfläche auf der Stelle. Tretmühle im bierigen See, der leicht dezentrale Nikotinfleck eiert im Kreis, das Insekt zu dumm, sich Hoffnung zu machen und zu dumm, um aufzugeben. Der Noagerlwirt schaut versonnen zu, greift dann mit der Finesse eines Routiniers und mit spitzen Fingern ins Bier, schnippt Fliege samt Kippe in ein Gebüsch. Er trinkt.

R: Zurück zum Historischen. Es hat ja Tradition, dass nur in München ansässige Brauereien als Lieferanten für die Festzelte in Frage kommen...

N: … Und die Zipfln machen Preisabsprachen! Heuer an Elfer für die Mass. Des gibt’s nur beim Fußball, an Elfer, des kamma gar nimmer aussprechen. Der Zehner war schon eine Gemeinheit, aber der g´schissene Elfer...

R: Sind Sie betrunken?

Der Noagerlwirt blickt in eine nur ihm bekannte Ferne, in oder hinter dem Bretterzaun in meinem Rücken.

R: Also die sechs Münchner Brauereien. Wollten Sie ´99 eine siebte eröffnen oder war die Idee, sich Raum im Tumult zu verschaffen damals schon auf dem Tisch? Kann man vom Noagerlzelt als Idee sprechen? Wo es doch immer recht klein, fast unsichtbar war. Eine Idee, die heuer endlich Gestalt annehmen soll?

N: Es ist keine „Idee“. Ich sauf Noagerl seit ich klein war. Meine Eltern haben Noagerl g´soffen und meine Großeltern väterlicherseits. Davor gibt es keine Zeugnisse, weil die Urgroßeltern aus einem entlegenen Tal im Südosten stammten und da hatte man keine so genauen Kenntnisse vom Umgang mit dem Erbgut oder der Schrift. Einfache Leute, gute Christen und damit vermutlich auch entschiedene Gegner des vergossenen Tropfens. Aber das sind Hypothesen.

R: Das Noagerlzelt als Vermächtnis?

N: Genau! Ein Vermächtnis. Zudem ein Politikum. Die Wichser ziehen uns Trinkern den letzten Heller aus der Tasche, nur weil wir auch mal Flagge bekennen und mit den ganzen Anderen Zipfin zusammen trinken wollen. Möchte an der Stelle auch bescheidenst auf unser diesjähriges Manifest verweisen!

R: … Das sich, wie wir wissen, recht gewalttätig ausnimmt. Aber dazu später. Wie haben sich, sagen wir, Ihre Großeltern auf dem Oktoberfest verhalten? Haben sie auch Noagerl getrunken?

N: Mein Opa hat es geschafft, in Stalingrad an einer Leberzirrhose einzugehen. Das ist von ihm bekannt. Was mit ihm sonst vor und während dem Krieg war, da kann sich keiner dran erinnern. Meine Oma hat brav ausgeharrt, im Luftschutzkeller die Noagerl zamgsoffn, dass´s sie vor die Tür gsetzt ham. Da war´s dann gsessn, ohne Bier im Bombenhagel.

R: Unschön.

N: Ja, graißlich, aber die Zutzla im Keller san dastickt. Wie der vegetarische Obernazi dann tot war und es überhaupt mal wieder eine Wiesn gab, da is´s dann mit falscher Brosche und Dirndl umananda spaziert (Anm.: als Bedienung getarnt) und hat die Noagerl zamgsoffn.

R: Und in dieser Linie steht auch Ihre Firma?

N: Wir sind eine Bewegung!

R: Ein belegter Begriff, gerade hier in München.

N: Glei schehbats! Du bist a belegt! Man kann sich ja wohl noch anders bewegen, als wia im braunen Leibal und a Nazi.

R: Und doch haben sie Ordner mit Armbinden und Lederriemen quer über der Brust. Da kommen Erinnerungen hoch.

Der Kapellmeister vom Noagerlzelt

N: In unserem Geschäft muss man aufpassen, da gibt’s halt schnell mal eine Rauferei. Außerdem leisten wir integrative Arbeit, was unsere Ordner angeht. Wir holen die Burschn morgens von der Donnersbergerbrücke, geben ihnen ein Gefühl von Zugehörigkeit – eine Armbinde halt – und eine Aufgabe: da wird ja nicht nur gerauft, sondern auch viel geklaut, auf der Wiesn. Und weil bei uns besonders hart
gegen das Bier angearbeitet wird, geht da einiges verlustig. Und die Lederriemen verstehst Du falsch! Unsere Securities haben halt ein Faible für diese rechteckig-hochformatigen
Herrenhandtaschen.

Die NOAGSEC - da Fotzn Sepp

R: In Ihrem Geschäft? Also doch was profitables?

Der Wirt entreißt mir mein Getränk und leert es in einem Zug.

R: Die Noagerlbewegung gab es also schon immer. Wie kommt es, dass Sie jetzt auf ein Mal die Notwendigkeit eines prominenteren Zeltes verspürt haben?

N: Ich bin zwar Wirt, aber wir sind eine Bewegung ohne Anführer, eine kopflose Bewegung. Hast Du Bataille gelesen, Acéphale? Da kannst nachschaun. Unser Zelt hats schon immer geben. Halt schräg am Hang und recht klein auch. Des
war immer des Besondere: kleiner wie der eigene Biergarten. Viel kleiner. Die meisten Gäste haben das Zelt gar nicht bemerkt und haben sich direkt im Garten niedergelassen.

R: Verständnisfrage: sprechen wir vom sogenannten Kotzhügel?

N: Ich sprech und du hältst dei Maul! Die Statik war immer schwer zu bewerkstelligen, weil wir unsere Fundamente nicht zu tief in den Hang eingraben ham wollen, da hätt´s Scherereien gebn. Oft ist also – bei gut besuchtem Biergarten hangaufwärts – unsere ganze Konstruktion unter dem Druck der schleimigen Massen abgerutscht, in Richtung Lieferanteneingang vom Hacker.

R: Es gab da öfters Negativschlagzeilen, wenn die liegenden Gäste unter die rutschenden Bretter geraten sind.

N: Seit ein paar Jahren werden die Inhaber der Liegeplätze mit Zeltheringen am Hang gesichert. Aber solche technischen Vorgänge schmälern halt schon die festliche Stimmung.

Da Wiesnflacker Ignaz ... auch genannt "da Haring"

R: Also ist der Umzug auf die Hauptachse vis-a-vis Hacker und Augustiner baulich bedingt? Merkwürdig aber, dass man Sie all die Jahre im gefährlich rutschigen Zelt hat gewähren lassen, nur bei dessen Fundamentierung Widerstände in Position gebracht hätte.

N: Des hat nix mi´m Baureferat zum doa. Unterm Hang liang de oidn Bierkella verschütt und da woi ma ned ostecha. Des is besser, de Kellerleit san auf unsrer Seitn. De mäng des ned, wamma eana ins Dach einabetoniert.


An dieser Stelle musste das Interview abgebrochen werden. Der Noagerlwirt – von Freunden und Feinden bewundernd „da Noag“ genannt – hatte einen Grad an Alkoholisierung erreicht, der seine Rede undurchdringlich, die Artikulation zu schwammig machte für weitere Befragungen. Wer die „Kellerleute“ sind und warum man mit ihnen in Allianz zu gehen beabsichtigt, bleibt zu klären. Es scheint mir, „da Noag“ habe jenen diffusen und aufbrausenden Charakter, wie er typisch für genialische Künstler und durchtriebene Säufer ist.


Ein Spielfeldrand in Ramersdorf anderntags. Die Abmessungen des Feldes regulär und etwa so groß wie der Rasen in der Arena des heimischen Erstligisten. Bandenwerbung gibt es auch, nur sind die reklamierenden Firmen lange aus dem Branchenbuch getilgt. Der Noagerlwirt sitzt in sportlichlegerer Aufmachung am Tresen eines Imbisswagens, den Schuhen nach, fühlt er sich hier zu Hause,
der Jogginganzug riecht stark nach Waschpulver. Ein Geruch, der sich mit der Alkoholfahne des Noag zu einer Priese vermischt, die mir Jugenderinnerungen an den Chemieunterricht, an schlechtsitzende, weiße Kittel und den Lehrer Pötschner in die Nase treibt. Eine schöne Zeit, besonders der Magnesiumbrand war beliebt.
Der Wirt reicht mir ein Buch: „Da Noag und i – eheähnliche Jahre mit einem Pestwirt“, Moewig Verlag 2005. Ich nehme das Geschenk in Empfang, halte es für eine Reparation, mit Bezug auf die Ausfälligkeiten bei unserem letzten Gespräch.

R: Bei unserem letzten Treffen war wenig Zusammenhängendes aus Ihnen herauszubringen.

N: Ich war da unter großem terminlichen Druck gestanden.

R: Wiesnvorbereitungen?

N: Nein, Spezln. Man kennt mich und das soll so bleiben. Da wird an langen Tagen schon mal öfter auf´s gegenseitige Wohl getrunken. Das hilft übrigens, meine Oma ist recht alt geworden.

R: Sie arbeiten an Ihrer Unsterblichkeit.

N: Genau!

R: Und Sie haben´s ja auch schon in die Literatur geschafft.

N: Ja, über des Buch derfst gern schreim. Mei Oide hat da über unsere gemeinsame Zeit philosophiert und ich hab sie auf Tantiemen verklagt. Eigentlich geht’s in dem Schinken nämlich nur um mich und ab und zu vielleicht um ihr Sodbrennen oder den Durchfall.

R: Zurück zum Thema. Das Zelt gab es schon immer, haben Sie gesagt. Und dass die Schräglage am Kotzhügel billigend in Kauf genommen worden ist, von Ihrer Seite, wie von der Festleitung bzw. vom Baureferat.

N: Ja, das stimmt. Und dass wir um gute Nachbarschaft mit den Kellerleuten bemüht sind.

R: Sie erinnern sich an das Gesagte?

N: G´hört zum Beruf.

R: Wer sind die Kellerleute?
N: Das darf ich nicht sagen. Soviel vielleicht: die ham da schon gewohnt, lang bevor es ein Oktoberfest überhaupt gegeben hat. Weißt, des mit der Unsterblichkeit? Ich sag´s jetzt mal so: die trinken besonders fleißig auf ihr gegenseitiges Wohl. Fleißig und seit Langem.

R: Unterm Kotzhügel?

N. schweigt, sieht mir mit bäuerlicher Schläue in die Augen, seinen Wissensvorsprung unausgeführt im Raum stehen zu lassen. Ich bewundere diesen Mann, aber für solches Getue hasse ich ihn. Er war nie Bauer, er hat von der Welt nichts gesehen, außer ihren halbleeren Gläsern und da sitzt er hier am Imbisswagen und mimt den Erfahrenen.

R: Und warum nun der Umzug ins Kerngebiet auf der Hauptachse zwischen Hacker und Augustiner?

N: Wir sind katholisch geprägt, wenn wir auch nicht alle gleichermaßen gläubig sind. Es gibt Mysterien, die kann keiner erklären, selbst der Papst nicht. Ein solches Mysterium ist, dass wir mit unser´m Zelt ins Kerngebiet drängen.

R: Aber es muss doch irgendwer gesagt haben „Freunde, heuer gehen wir da und da hin“ oder „Es ist genug, wir Leute vom Noagerlzelt haben die Rutschpartie am Kotzhügel satt, wir sind eine Institution auf der Wiesn und als solche beanspruchen
wir jetzt einen anständigen Platz für unser Festzelt“. Irgendwer muss doch tätig geworden sein.

N: Tätig geworden is der Brennsuppn-Hias, aber ich hab mir gedacht, der wird schon wissen und wenn er´s nicht weiß, dann ist er halt berührt worden vom chaotischen Element oder von Gott oder von sowas.

R: Vielleicht von seiner Orientierungslosigkeit. Und von der Ahnungslosigkeit. Schon jetzt im Vorfeld sind Ihnen und Ihren Leuten ja massive Repressalien angekündigt worden.

N: Das stimmt, besoffen war der Hiasl schon, als er seinen Plan gezeichnet hat. Über mehr reden wir ja hier nicht. Das steckt alles noch in der Planungsphase.

R: Dafür ist aber der Ärger, dem Sie zur Zeit ausgesetzt sind, schon recht real.

N: Den Noag erschüttert nix. Außer vielleicht eine junge Liebe, die nach vielen Jahren einem ein Kind anhängen möchte. Wie er das so etwas versonnen vor sich hin sagt, knibbelt der Wirt den Dreck unter seinen Fingernägeln hervor, beäugt ihn zufrieden und schiebt ihn sich in den Mund.

R: Was fängt der Brennsuppn-Hias mit seinem plötzlichen Ruhm an?

N: Nix. Der schleicht nach wie vor unbemerkt an die Lagerstätten der Vagabunden unter den Isarbrücken und säuft denen ihre Weinpackerl leer.

R: Er trinkt Wein?

Der Brennsuppn-Hias siniert, wo er was zum Trinken kriegt ...

N: Wir sind ja kein Orden, aber wenn wir einer wären, dann würde das Gelübde auf Noagerlsaufen lauten. Da sind wir katholisch. Wir spezifizieren da nicht näher. Lassen Schlupflöcher für Leute wie den Hias.

R: Ihre diesjährige Spezialität wird ihm gewidmet werden, wie ich höre.

N: Die Brennsuppn-Mass.

R: Im Preis vermutlich auf einer Stufe mit der vorjährigen Soachhellen, umsonst. Was habe ich mir darunter vorzustellen?

Da Noag krempelt seine Ärmel hoch, übergibt sich in einen Mülleimer in Eiswaffelform am Tresenende. Darauf nimmt er einen Schluck aus meinem Radler, gurgelt, spült sich den Mund und spuckt das Getränk zurück in mein Glas. „Da“ sagt er. „Normal halt kein Radler, aber in der Not...“
Ich bin tief beeindruckt vom Können dieses Mannes, von der professionellen Contenance, die er selbst in so fordernden Momenten wie gerade eben zu wahren weiß. So will auch ich die Professionalität wahren und weiter meine beabsichtigten Fragen platzieren.

Da Backpfeifn Alois bei der Standentlastung

R: Danke. Bevor wir weiter Hypothesen spinnen, wie Ihre Aufstellung dem diesjährigen Oktoberfest standhalten wird und ob man Sie nun akzeptieren wird, wenn die Wiesn erst mal läuft, möchte ich nochmal in der Zeit zurückgreifen. Sie haben sich als Bewegung bezeichnet.

N: Als den Noag.

R: Aber Ihre Gruppierung, die Leute vom Naogerlzelt, das ist eine Bewegung?

N: Richtig, eine Abwärtsbewegung.

R: Und Sie haben jegliche Bezüge zu irgendwelchen Nazi-Gruppen von sich gewiesen. Wie hat sich denn Ihre Bewegung im Dritten Reich verhalten? Hat man Sie verfolgt?

N: Also meine Großmutter war nebenberuflich ja auch als Spiritistin tätig und hat da ganz gute Kontakte zu den Kellerleuten geknüpft. Angeblich war sie auch mal drunten, aber da gibt’s nichts beweiskräftiges dazu. Nein, insgesamt waren wir mehr so im Untergrund tätig. Die Nazis waren ja auf gesunde und disziplinierte Truppen aus, da waren wir schon ein Dorn im Aug.

R: Aktiv Widerstand hat aber niemand aus Ihren Reihen geleistet.

N: Das nicht, aber man hat uns als moralisch- und wehrzersetzend eingestuft.

R: Wobei ihr Großvater in Stalingrad war.

N: Richtig. Quasi eine Strafexpedition. Da war er wohl versprengt recht bald und dann auch tot.

Angemerkt sei hier, was aktenkundig ist: dass Großvater Noag wegen Trunksucht regelmäßig auf Himmelfahrtkommandos geschickt worden ist, von denen er meist betrunkener als bei Aufbruch zurückkehren sollte. Einmal war er längere Zeit verloren und man glaubte sich bereits seiner befreit, als man von erbeuteten russischen Gefangenen im Verhör erfahren sollte, es gebe einen „singenden Deutschen, der sich untot oder gesegnet vom Glück der Säufer“ in einer ausgebombten Weingeistfabrik halte. Tage später kam der Großvater Noag mit einem wüsten Stechen im rechten oberen Bauch zu seiner alten Kompanie getaumelt, etwas auf bayerisch fluchend, das keiner der anwesenden westfälischen Sanitäter übersetzen konnte. So sollte der Noag Senior in Stalingrad bleiben.

N: Von den anderen haben´s einige direkt vom Dachauer Volksfest ins KZ geschafft. Das weiß man ja, dass die Nazis keine anderen Bewegungen geduldet haben, als die ihrige. Zett Beh der Bröckerlbier-Ägedi hat sich in Dachau wie jedes Jahr durch die Massn der Leut gewildert, da hebt einer am Tisch plötzlich doch seinen Kopf und hat a schwarze SS-Uniform an. Im KZ hams eam dann an Himmlermass-Ägedi genannt.

R: War er dort weiter tätig?

N: Der Ägedi hat´s im Blut ghabt. Logisch hat der weitergoabat. Nur hat´s halt nix gebn und er war mehr so metaphysisch tätig. Aber auch hier wieder: das Spirituelle soll ma nia unterschätzen. Er war der Einzige von unseren Leuten, der Dachau überlebt hat und zwar mit ara Bierwampm vom andern Stern.

R: Wie sah das aus, das metaphysische Trinken?

N: Er hat allabendlich, wenn das Licht aus war, ein paar Gleichgesinnte um seine Pritsche versammelt und dann haben sie ihren Stammtisch abgehalten. Ab und zu sei irgend a Preiß oder dessen Gespenst dazugestoßn, den hams dann verjagt, ham kartlt, auf die Arbeit gschimpft, auf die Preißn eh und halt jede Menge ideelles Bier gsoffn.

R: Keine Naogerl?

N: Nein, wenn nix mehr da is, dann trinken wir voll. Katholisch halt, die letzten werden die Ersten sein und wenn wir erstmal Geistermassn saufn, dann aber nurmehr volle. Jedenfalls der Himmler-Ägedi hat´s gschafft, sich so dermaßen von seinem
Stammtisch im KZ verzaubern zu lassen, dass er aus der Geschichte mit ara Fettleber und gwampat das ois zspät is außagonga is.

R: Konnte das wer bezeugen?

N: Nein, aber der Ägedi war a ehrliche Haut. Zudem gibt’s Aufnahmen von ihm auf der ´46er Ersatzwiesn bzw. in unserm Zelt am Hang. Überlebt hat ers und fett war er auch.

R: Wenn es wahr ist, was Sie sagen, dann wäre Ihr Verein …

N: Truppe! Wir sind Krieger, also eine Truppe.

R: Dann wäre Ihre Truppe der einzige Geheimbund, dessen Verfolgung im Dritten Reich undokumentiert geblieben ist. Inwiefern sehen Sie sich als Kämpfer?

N: Wir kämpfen gegen das Bier an.

R: Aber Sie trinken es doch gerne?

N: Eine Hassliebe, die jeden Krieger ein Stück weit mit seinem Feind verbindet. Das ist Nahkampf, eine sehr intime Erfahrung. Das Würgen um Leben und Tod. Jedenfalls die Nazis, die haben uns nicht erkannt. Ich sags ja, eine Bewegung ohne Kopf, eine kopflose Bewegung.

Der Noag und ich sehen uns in die Augen, er wissend, ich etwas abschätzig. Ich bestelle mir noch ein Bier bei der Frau vom Imbisswagen, reiche dem Noag mein Noagerl, wir trinken. Und wir stehen da, in Ramersdorf am Fußballfeld, wo keiner spielt. Später abends dann Nachricht vom Noag. Er hat also Internet. Er rät mir ab, am ersten Wiesnsonntag aufs Oktoberfest zu gehen, das ist alles.


(eine Gastarbeit vom Murmler Charlie)
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Freitag, 25. August 2017
I had a dream - der Bierpreiß beim Noagerlwirt
Ein weiß-blauer Spätnachmittag und wir sitzen vorne draussen neben am Noagerlzelt, gleich beim Freischank, daß man gleich nachfüllen lassen kann, wenn mal zu schlecht eingeschenkt wäre. Neben mir zieht der Schnoiztaler Toni sein Bries, zu meiner anderen Seite plätschert es ganz bedächtig dem Schmiedl Fritz seinem Hacklstecken hinab, den er eigentlich nur mitführt, um sich den leidigen Weg zu den sehr fernen Toiletten ersparen zu können. Ich, da Schnoiztaler, da Schmiedl und da Adabei nebeneinander auf einer Bank, daß alle das Gleiche sehen und dableckn können. Die Bank gegenüber haben wir allein durch unsere Anwesenheit fest im Griff, der Blick also unverbaubar. Man redet übers Wetter und die Milchpreise. Über den Bierpreis wohlweislich nicht.

das ist natürlich nicht der Bierpreiß, sondern der Adabei ...

Glücklicherweise müssen wir nicht ständig schlecht eingeschenkte Maßen anmahnen, da wir die Bedienung Zenzi, gleich beim Einlaufen uns mit einem saftigen Trinkgeld gefügig machen konnten. Um uns herum lauter selten greißliche Zipfigsichta, die in Anbetracht der guten Stimmung keinen negativen Einfluß auf unser Gemüt haben, wie man eben auch in einer geschmacklos tapezierten Wirtschaft durchaus seine Freud haben kann.

Drinnen plärrt die Blaskapelle und das Zelt ist dichtbevölkert von ortsfremden Gesindel, von dem man beim besten Willen nicht erwarten kann, daß sie den wohltuenden Aspekt eines weiß-blauen Himmelsdaches von der drückenden Stimmung eines Zeltdaches unterscheiden könnte.

Man fühlt sich als Bayer geradezu allein auf dieser flächendeckend von Preißen besiedelten Welt, die einfach nicht verstehen, wann es wirklich gemütlich ist. Wenn alle schon einen sitzen haben, nicht viel geredet wird und vor allem keiner mehr so genau zuhört, was die anderen sagen, springen sie auf die Bänke oder plappern los, als sei diese wunderbar geistige Leere ein Moment kurz vor der Implosion, vor der sie scheinbar fürchterliche Angst haben und die sie mit aggressiven, abgekackten Wortattacken zu füllen versuchen. Man könnte meinen, Kaiser Wilhelm wäre wiederauferstanden und der Weltkrieg kurz vor dem Ausbruch, wenn sie ihre Satzfetzen wie Giftgasgranaten in die gemütliche Runde werfen und damit jegliche Seligkeit abtöteten.

Der Schnoiztaler Toni fühlt sich bei diesem fremdartigem Geschrei an seine schnatternden Enten erinnert, die man aber noch entschuldigen könnte, wo sich doch die mögliche Nähe eines Fuchses vermuten ließe. Und dem Schmiedl Fritz gärt dabei der Darm so stark, daß er am liebsten an seinem Hacklstecken auch noch herunterscheißen würde. Gä, Fritz, sag ich noch, jetz aba. Do scheiß i ma nix, sogt a nua, während es den Brei am Hacklsteckn abwärts wälzt. Nur der Adabei lässt sich in seiner Seelenruhe nicht beirren und lauscht dem poltschen Maikäfer.

Der Preiß aber hat eine Panik vor der Gemütlichkeit und versucht sie schon im Entstehen abzuwürgen. Es ist schwer abzuschätzen, ob es sich dabei um eine endogene Paranoia handelt oder ob es ihn einfach ärgert, wenn sich der Bayer wohl fühlt. Leider hat man mit der Besatzungsmacht schon die leidlichsten Erfahrungen gemacht und weiss, dass man die Feindkultur nie wird integrieren können.

Man hat das Oktoberfest ja schließlich auch für andere Volksgruppen offen gehalten, ob für Amerikaner, solange sie nicht alles besser wissen, oder für Italiener, die oft sogar mehr sprechen als die Preißn. Hauptsache ist allerdings, daß sie nicht Deutsch sprechen, als wäre es ihre Muttersprache und ganz unerträglich wird es, wenn sie so tun, als wären sie hier zuhause. Man will den Gast ja gerne teilhaben lassen an dem, was er angeblich so schätzt an unserer weiß-blauen Heimat. Aber kaum ist er da, der Preiß, schon beginnt er rumzunörgeln an den Öffnungszeiten der Biergärten, an den Stammrauchern in den Boazn und vor allem an der konsumfeindlichen, ansässigen Gemütlichkeit. Die Spezlwirtschaft ist ihm zu spezlwirtschaftlich und die Kuhglocken sind ihm zu laut.

Selten, sehr selten, findet sich auch ein Bierpreiß unter dem ganzen Gschwerl, ein seltener Findling, der wie ein losgelöster Nierenstein, frei von Schmerz und Gram im Biersee schwebt. Riesig und hager, weil garnicht genügend Fleisch an ihm vorhanden ist, um ausreichend an jedem Knochen zu hängen. Er dreht seinen giraffenähnlichen Hals und lächelt herüber in seiner Bierseligkeit wie ein Findling eben, der schon seit der Eiszeit seinen Platz gefunden hat. Wir, durch unsere Stiernacken in der Bewegung eingeschränkt, lächeln zurück, meiden aber jeglichen verbalen Austausch, um die Stimmung nicht zu zerstören.

So ein Bierpreiß existiert nur in seiner Singularität. In Grupppen mutiert der Bierpreiß augenblicklich zum Saupreiß, zu einer Art Steinschlag, der jede Gemütlichkeit zerschmettert. Er, der Bierpreiß, hingegen trinkt teflonartig vom Getümmel isoliert seine Maß Bier, während wir ihm vor lauter Rührung über die Anwesenheit eines so seltenen Tieres sogar andeutungsweise zuprosten. Liberalitas Bavariae, da existiert sie noch, diese alpenländische Toleranz gegenüber dem Fremden. Weil man ja weiß, daß er auch wieder geht wie ein kurzer Schauer im sommerlichen Biergarten. Erfrischend weil kurz und vergänglich. Ganz im Gegensatz zu dieser Gewitterfront an Saupreißn, die zunehmend bleiben. Aber irgendwann sind sie alle hier und der Bierpreis in inflationäre Höhen schießt. Dann packen wir sie ein, die Voralpen, die Seen, Bäche und die taufrischen Wiesn samt Bierzelt und ziehen Richtung Norden.
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Mittwoch, 16. August 2017
Erst der Krieg hat das Bier gebracht - und das Bier den Krieg
Der 30jährige Krieg, so wie eine damals wie heute aus bayrischer Sicht gesunde Klimaerwärmung und das Reinheitsgebot von 1516 konnten den im See der Genüsse schwimmenden Bayern vor rund 500 Jahren an das Bierufer retten. Vorher war es , noch ganz römisch in der Leber, der Baierwein, mit dem der Bayer Freud und Leid teilen musste.So beschreibt Johannes Aventinus in seiner 1556 erschienen Bairischen Chronik das hiesige Dasein: "Tuet sonst, was er will, sitzt Tag und Nacht bei dem Wein, schreit, singt, tanzt, spilt ..."

Ein halbes Jahrtausend erst süffelt der Bayer nun sein Bier mit einem Genuss, den einem nur das Reinheitsgebot verschaffen kann, und hat den Krieg schon lange vergessen. Den Kampftrinkern von der hartenlinie ist aber wohl bewußt, daß das Bier auch seinen Preis hat und einfordert - nicht selten in heftigeren Auseinandersetzungen.

Während der Bierrevolte im März 1844 stand sogar das Militär auf Seite der revoltierenden Bevölkerung, die gegen den um einen Kreuzer erhöhten Bierpreis auf die Straße gingen und dazu übergingen die Hauptstadt kurz und klein zu schlagen. Erst als der Preis wieder auf Vorjahresniveau herabgesetzt wurde, konnte sich auch die Münchner Bierseele wieder beruhigen.

Wie Friedrich Engels im Northern Star berichtet: "The Bavarian Beer is the most celebrated of all kinds of this drink brewed in Germany, and, of course, the Bavarians are much addicted to its consumption in rather large quantities. ... The police, being, as everywhere, obnoxious to the people, were severely beaten and ill-treated by the rioters, and every station formerly occupied by police-officers had to be occupied by soldiers, who, being upon good terms with the people, were considered less hostile and showed an evident reluctance to interfere. ... The King restored tranquillity by an ordinance, reducing the price of the quart of beer from ten kreutzers (3¼ d) [2] to nine kreutzers (3d)."

Wikipedia sieht die Bierrevolution sogar als Vorboten der weitreichenden Märzrevolution von 1848, die sich in München ebenfalls an Bierpreiserhöhungen entzündete und wohl mehrfach meist im Mai stattgefunden haben muss, "trotz der wahrhaft großartigen Entwickulung militärischer Kräfte".

Nur der Vollständigkeit halber möchte ich erwähnen, daß es auch anderswo das Gemüt verdunkelt, wenn man am Bierhahn falsch herum dreht. So geschehen während der Lager Beer Riots 1855 in Chicago, als der Babtist Levi Boone den deutschen und irischen Arbeitern an ihrem einzig freiem Tag, dem Sonntag, das Bier abgedreht hat.
Oder denken Sie an die Salvator-Schlacht von 1888, wo eventuell auch ein erhöhter Bierpreis seinen Teil dazu beitrug.

Da in Bayern der Bierpreis als untrügliches politisches Barometer dient, hätte man zunehmend ab 1900 erahnen können, daß schlimme Zeiten bevorstehen. Spätestens 1910, als durch das Malzaufschlagsgesetzt der Dorfner Bierkrieg vom Zaun brach, muß dem ein oder anderem Stammtisch ein ganz dunkles Licht aufgegangen sein.

Der Krieg hat also das Bier gebracht und nur er kann es wieder nehmen, wie man das an der Russn-Maß festmachen kann. Denn diese entstand im Revolutionsjahr 1918, als das Land vom Krieg ausgezeert war, die Rohstoffe knapp und die Kommunisten im Mathäser-Keller von frühfaschistischen Schlägertrupps belagert feststellen mußten, daß das Weißbier von der Tränke zur Neige geht. So mußten sie wider Willen, wie ich vermute, den guten Gerstensaft mit Limonade mischen, um dies Unheil einigermaßen heil zu überstehen. Seither bestellt man einen Russn, wenn man das Obergährige mit Limonade gemischt haben will.

Weil diese Biermischerei den Roten bei der Machtübernahme offensichtlich sehr geschadet hat, kam schließlich die braune Rotte ans Ruder auf dem Biersee. Einem Biersee, in den Jahren 1918 bis 1945 so bewegt, daß man heute noch von der Hauptstadt der Bewegung spricht.

Wie sonst hätte es ein vegetarischer Antialkoholiker wie Herr Adolf Schicklgruber geschafft in München und später auch im tausendjährigem Reich an die Macht zu kommen.

Von einem Siegeszug des Russen, von Lenin mal abgesehen, kann man bis 1945 also wahrhaft nicht sprechen. Selbst danach hat er es nie bis nach München geschafft. Ich befürchte fast, dem Russen hätte man schon eine Wasserstraße aus Vodka von Moskau nach München errichten müssen, daß er es mal so weit bringt.

Der Krieg hat es gegeben, das Bier, und dann hätte er es nach dem 1.Weltkrieg am liebsten auch wieder genommen. Daß das Bier das Dritte Reich und den antialkoholischen Schicklgruber überleben konnte, grenzt an ein Bierwunder.

Von der Rohstoffknappheit und der Inflation bereits schwer getroffen, wurde das Bier noch dringend gebraucht, um das Volk willfährig zu halten und die durch die Stadt galoppierenden braunen Horden massiv besoffen, um alles kurz und klein zu schlagen, was nicht bierselig genug sich dem Untergang der Gemütlichkeit ergab.

Doch schon 1922 kostete die Maß auf der Wiesn 50 Mark und das Hendl 500 Mark, weßhalb bis 1932 nur noch der Augustingerbräu, Wagnerbräu und der Schottenhammel die Pforten zum Himmel der Bayern eröffnen konnte. Wen wundert es, daß ausgerechnet 1932 auch die erste Geisterbahn auf dem Oktoberfest, den noch eskalierenden Schrecken und Horror mehr als andeutete.

Kein Wunder auch, daß dem Oktoberfest ein Besuch Hitlers, Vegetarier und Nichttrinker der er war, immer erspart geblieben ist, wo er vor lauter Bier, Hendl und Fischsemmel verdurstet und verhungert wäre. So läßt sich der Sieg der Braunen in München nur mit der Hirnverbranntheit der aus dem Umland anrückenden Freikorps erklären, wo doch ein Herr Hitler auch nie seinen Deckel im Schelling-Saloon beglichen hat, auf dem vermutlich so manches Limo, Tee und vielleicht Kartoffelsuppe vermerkt waren, und deßhalb wenigstens hier mit einem Hausverbot vertrieben werden konnte, während Lenin in der selbigen Lokalität immer brav seine Rechnung bezahlt hat.

Da das Bierpreisbarometer ja nicht auf Bayern beschränkt ist, wie die ehrenwerten Besucher der Schalke-Arena mit ihren Spruchbändern "Bierpreise wie im Puff - wo bleiben die Nutten!!!" gezeigt haben, und davon auszugehen ist, daß die Weltkriege nicht der letzte bewaffnete Konflikt in Europa gewesen sind, kann einem auch die diesjährige Eskalation um den Bierpreis zwischen dem reformorientiertem Stadtrat und den Wiesnwirten teuflische Sorgen machen. Ich denke, nur Freibier kann uns aus dieser verflixten globalen Situation noch retten.
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Freitag, 5. Mai 2017
C-Stoff und T-Stoff - die Nazis und die Wiesn
[hier kommt zur Wiesn dann der Text, der noch im Untergrund weilt]

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Mittwoch, 21. September 2016
Des Bier des hod da Deifi gseng - Analyse der Bodentruppen 2016

Man darf sich nicht wundern, dass wenn man einen Todesstreifen anlegt, links und rechts davon nicht viel gedeiht. So trifft auch der neue Zaun den Kotzhügel mit voller Gewalt.

Der Sammelplatz der Bodentruppen ist somit Geschichte und damit auch die Wiesn an Geschichten ärmer.

Die Tendenz war auch schon in den letzten Jahren erkennbar. Am liebsten wäre es den Veranstaltern des grössten Volksfestes der Welt, man würde seine 100 Euronen einfach überweisen und ginge garnicht mehr hin. Dann könnte man auch das Bier billiger machen und vielleicht würde die alte Wiesn dann nicht mehr 14 Euro Eintritt kosten.

Den wenigen Mutigen, denen es gelang, noch einen Zugang auf die Spielwiese der Münchner Brauereien zu finden, fanden viel Raum und in jedem Zelt noch einen Platz.

Verstecken wird da richtig schwierig.

Anpirschen ist geradezu unmöglich gworden und wie gefährlich Manöver auf einer so freien Fläche sind zeigt uns folgendes Bild.

Es wäre klug gewesen, sich vorher Gedanken darüber zu machen, was passiert, wenn die Wenigen das viele Bier wegtrinken müssen. Die sogenannte Holzfasslage ist prekär und führt dazu, dass man neuerdings schon Betten auf der Wiesn aufstellt.

Viele der Ehemaligen, die dieser miserablen Heereslage Herr werden hätten können, wurden inzwischen verbraten, wie unser Loisl.

Man muss Gott danken, dass es noch den ein oder anderen Veteranen der Offiziersklasse gibt, der sich mit solchen Notzeiten auskennt und die Lage entsprechend nützt.

Aber das sind Raritäten, wie eine gscheide Wirtshausrauferei oder das so berüchtigte Masskrugschmeissen. Es ist zum Haare raufen, zum Tisch zertreten und zum heulen.

Aber ich muss leider sagen, München kotzt nicht mehr richtig. Die Saufside Westend wird es so bald nicht mehr geben.
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Montag, 19. September 2016
Die RegenbogenWiesn - Der Masskrug als Zeichen seiner Zeit

"Wer eine Regenbogenwiesn ausruft, sollte sich über den Regen nicht wundern."

Bayern ist berühmt für seine Schlösser, Kühe und Autos, aber nicht gerade für seinen Pragmatismus. Doch nicht umsonst gönnt man sich mit München einen roten Fleck in einem schwarz-braunen Meer der Politik. Hier darf man, umzäunt vom Erzkonservatismus, noch experimentieren. Hochhäuser sind verpönt, dass man es von ausserhalb nicht am Horizont erblicken könnte, aber in Bodennähe herscht hier noch ein liberales Klima.

Die Nackten im Englischen Garten und am Luss-See, die heimlichen Raucherkneipen, ein Radweg direkt an der BMW-Zentrale. Hier darf man noch frei seine Meinung äussern, so sie sich nicht gegen die Sicherheitskonferenz oder die Rüstungsindustrie richtet.

Dementsprechend hat man auch verstanden, dass gleichgeschlechtliche Sexualpartner die finanzkräftigsten Mitbürger sind - double income no kids. Und so ist es nur folgerichtig, dass der diesjährige Wiesnmasskrug in Rosa gestaltet wurde. Ein Rosa so luftig und unbeschwert, dass man denken könnte, er wäre so leicht wegen der Farbe und nicht etwa weil er schlecht eingeschenkt ist.

Im Hintergrund ein nur angedeutetes Riesenrad, dass es sich als Ziel terroristischer Anschläge kaum eignet, und rosa Wölkchen, die den homophoben Feind des Oktoberfests blind machen sollen.

Selbst das Pärchen im Vordergrund ist aus gutem Grund geschlechtsneutral gehalten. Erst möchte man meinen, es handelte sich um eine kämpferische Szene, wobei die rechte Figur ihren Arm hilfesuchend nach oben richtet, bis man merkt, dass sie eigentlich nur ihre verregnete, aufgeweichte Brezn wegwirft.

Das Pärchen sinnigerweise in Grün. Auch das hat man in München schnell begriffen, dass deren Wähler viel Geld ausgeben und nicht wirklich in der Sozialpolitik mitmischen. Wer sonst sollte all die Bioläden am Leben erhalten, wo doch keiner mehr einen Schweinsbraten essen kann ohne einen anaphylaktischen Schock zu erleiden.

An der Analyse des weggeworfenen Essens arbeiten wir noch. Hier bieten sich mehrere Erklärungsmuster.
Vielleicht haben die beiden Grünen Hunger und können die in rosa Wölkchen schwebende Nahrung nicht essen, weil zu viel Salz auf der Breze, zu viel Zucker im Herzen und zu viel Alkohol im Bier sind. Dass es sich um hungernde Unterschichtler mit der Hand zum Gruß handelt, die es sich nicht leisten können, möchte ich bezweifeln, sonst wären sie ja braun.
Ich vermute, dass es sich um einen auf die Wahl in Mecklenburg-Vorpommern beziehenden Affront gegen die AFD und FDP handelt, bzw auf deren Wahlergebnisse. Zwei Grüne, die sich wünschen, auch so hoch hinauf zu kommen. Und nicht ein schwarzer Klecks auf dem Krug.

Ein teils rätselhafttes Motiv 2016 also. Aber wieder mal ein deutliches Zeichen, dass es weder um Form noch um Inhalt geht, sonst hätten wir schon längst den octogonalen Krug mit einem Henkel oben wie beim Milchkanderl und mehr Fassungsvermögen.
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Wiesn 2016 - erste Opfer der Palastrevolte

ein Livebeitrag von unserem Wiesnreporter Kalle Bargeld

Mein Spezl der Roland

- ich nenne ihn hier der Einfachheit halber Roland, denn eigentlich heißt er anders, was aber nicht aufgedeckt werden soll, um nicht ihn dumm, oder mich verprügelt dastehen zu lassen -, also eben dieser Roland ist eine Fachkraft, wie sie während des normalen Betriebsablaufes in dieser Stadt kaum zu finden ist, eben nur dort wo die Profis zu Werke gehen. Jetzt hat aber wieder die große Biersause begonnen und heuer sogar im Schutze eines Zaunes, und man sollte doch meinen, dass jetzt Rolands Stunde geschlagen habe, er endlich wieder im Glanze seines vollen Talentes blühen könne, aber nein. Was tut man? Man schmeißt den Roland raus, er muss Platz machen für irgendeine 1000-köpfige Kompetenz, die das halbe Zelt gemietet hat und zu blöd für meinen Spezl, dass er eben in der falschen Hälfte auf dem Tisch gestanden war. Bevor ich weiter aushole, sei kurz erwähnt, dass ich einen Fachkräftemangel beklage und es am Beispiel der unterqualifizierten Work-Life-Balance-Fressen versus Roland mit der "schlechten Haut" in die Gemüter drücken möchte.
Da sitzt also der Roland neben mir auf dem Gartenstuhl und es regnet. Der Freund versucht gute Miene zum zerfickten Spiel zu machen, erzählt vom Rausschmiss wie von einem Stellungskrieg, in dem er und ein paar andere von der Flanke her - also mitten im Trinken - aufgerieben wurden. Der Freund in einer tosenden Brandung aus Spezialkräften, renegatische Söldner des Wirts, die vorgestern noch in Szeged gegen die Homosexualität vorgegangen sind und heute das Bierzelt von den Alkoholikern befreien, morgen vielleicht die Welt von sich selbst. Plötzlich standen Roland und ein paar andere Profis im Regen vor verschlossenen Türen, außenrum nach wie vor der Zaun, aber der brachte ihnen jetzt auch nichts mehr, wo das Bier fort war. Dafür waren ihre Plätze jetzt eben von spezisaufenden, Geradenochangestellten besetzt, die zwar in Lederhosen und Dirndln erschienen waren, aber eben ohne Expertise und eigentlich bloß in der Absicht, nicht nicht gefehlt zu haben, wenn sie nicht erschienen wären. Eine dumme Situation innerhalb des Festungsrings, aber so war es immer schon: da gibt es diejenigen, die in die Stadt rein dürfen und dann gibt es diejenigen, die ins Schloss dürfen. Im Ansturm feindlicher Horden bildete die Stadt mit ihren Bewohner einen – vielleicht mürrischen, aber immerhin – Puffer, bevor es dem Hofstaat an den Kragen ging. Einfaches Prinzip. Bau dir einen äußeren Festungsring und überzeuge das Gevölk, das sich darin tummelt, es gelte, jene Mauern gegen etwas Äußeres zu verteidigen. Verstecke dich selbst und deine Geschäfte im zweiten, inneren Ring vorm Gevölk und dem was da eventuell irgendwann von noch weiter außen kommen möge. Und das Bier? Hilft, zu besänftigen und wo das nicht funktioniert, den Zorn zu vereinzeln.

So sitzen wir, der Roland und ich, der den Schmerz des Freundes durch die frohgemute Fassade hindurch wittert aber nichts sagt, ihm stummes Mitleid zollt. Ich erinnere mich an einen anderen Freund, den Biergärtner und an seine versprengten Truppen, die seit Jahren, oder vielleicht seit jeher, aber ganz sicher jeder für sich und geeint nur im Getränk, eine Linie zu halten trachten. Nicht die Linie, auf der man bei der Polizeikontrolle tänzelt und auch nicht die Linie, um die schielende Augen hinter ihrem 50er-Röllchen bemüht sind. Die Linie ist hart und das zeichnet sie aus. Was genau auf der Linie fährt, das spielt eine untergeordnete Rolle, wichtig ist die Stringenz, eine gewisse Deutlichkeit, die – Inhalt hin oder her – wenigstens nicht verlogen ist. In dem Sinn mach ich mir ein Bier auf. Unsere Seelen sind zermahlen, wir haben zwar Pissflecken an der Hose und Arme und Beine haben wir auch, aber keine Substanz, nichts mehr, garnichts mehr, deswegen halten wir aus auf unserer Linie. Prost und Gruß an die Wirtin Erika und an den Wirt Hias, die beide so heißen wie sie hier heißen, deren Kneipen aber zur besseren Tarnung ungenannt bleiben.

Zurück zur Sache. Roland trägt seinen Bericht vor und geht dabei erhobenen Hauptes aus einer Niederlage heraus. Was soll man dazu noch beitragen? Das ist eben das Gemeinderatige. Der eine macht das, die Nächste macht jenes und am Ende wird beschlossen, man habe es schon richtig gemacht, irgendwie, und der Betriebsablauf bleibt ungestört*.

*) Es ist mir zuwider an dieser Stelle den Bierpreis an den Pranger zu stellen. Auch wenn sich die Fachkräfte auf einmal die scheiß Mass leisten könnten, käme es zu keiner Umwälzung im Betriebsablauf. Ist eine Hypothese, also hypothetisch, aber mir fehlt der Glaube zu etwas Erfreulicherem.
Der Regen will nicht aufhören. Vorvorgestern saßen wir, der Roland und ich, unweit von hier und haben einem jungen Kerl zugesehen, wie er versucht hatte, seinen Körper zu stählen für das was vor ihm lag. Der hatte ein Sprungseil und Kopfhörer, Schuhe und eine Hose, aber kein T-Shirt, und da ist er also in der Sonne die noch geschienen hatte herumgehüpft, in unkonventionellen, also professionellen Schlenkern, nur dass es hier eine andere Professionalität war, als die oben beschriebene. Der Junge hatte heftig geschwitzt, das Tempo seiner Schwünge immer weiter erhöht, Fetzen von einem schäbigen Pop-Lied mitgesungen, "I´m gonna make it…" und irgendwas von Stärke oder Zusammengehörigkeit, wenn es das Wort überhaupt gibt. Dieser Typ hatte wohl nie etwas vom osmotischen Druck gehört, vom Alkohol, der in die Zellen selbst dringt, der sich, wenn der Muskel eine Stadt ist, in jedes einzelne Gemüt von deren Bewohnern zwängt, egal wie stark die Festungsmauern sind. Solche Heinis kommen also aus aller Welt angereist, um sich ins Getümmel zu stürzen, eine Ödnis zu bezwingen, die schon mit dem viele Stunden dauernden Herflug für sie aufgehört hatte zu existieren – "Wer alleine losgeht, bleibt auf der Strecke, die bleiben alle liegen, allesamt." Und morgen soll es schöner werden, was das Wetter angeht. Vielleicht tut sich dann ja was, vielleicht beschließen wir etwas zur Autobahnausfahrt, zum neuen Möbelhaus, oder doch zur Betriebsstörung.
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