Erst der Krieg hat das Bier gebracht - und das Bier den Krieg
Der 30jährige Krieg, so wie eine damals wie heute aus bayrischer Sicht gesunde Klimaerwärmung und das Reinheitsgebot von 1516 konnten den im See der Genüsse schwimmenden Bayern vor rund 500 Jahren an das Bierufer retten. Vorher war es , noch ganz römisch in der Leber, der Baierwein, mit dem der Bayer Freud und Leid teilen musste.So beschreibt Johannes Aventinus in seiner 1556 erschienen Bairischen Chronik das hiesige Dasein: "Tuet sonst, was er will, sitzt Tag und Nacht bei dem Wein, schreit, singt, tanzt, spilt ..."

Ein halbes Jahrtausend erst süffelt der Bayer nun sein Bier mit einem Genuss, den einem nur das Reinheitsgebot verschaffen kann, und hat den Krieg schon lange vergessen. Den Kampftrinkern von der hartenlinie ist aber wohl bewußt, daß das Bier auch seinen Preis hat und einfordert - nicht selten in heftigeren Auseinandersetzungen.

Während der Bierrevolte im März 1844 stand sogar das Militär auf Seite der revoltierenden Bevölkerung, die gegen den um einen Kreuzer erhöhten Bierpreis auf die Straße gingen und dazu übergingen die Hauptstadt kurz und klein zu schlagen. Erst als der Preis wieder auf Vorjahresniveau herabgesetzt wurde, konnte sich auch die Münchner Bierseele wieder beruhigen.

Wie Friedrich Engels im Northern Star berichtet: "The Bavarian Beer is the most celebrated of all kinds of this drink brewed in Germany, and, of course, the Bavarians are much addicted to its consumption in rather large quantities. ... The police, being, as everywhere, obnoxious to the people, were severely beaten and ill-treated by the rioters, and every station formerly occupied by police-officers had to be occupied by soldiers, who, being upon good terms with the people, were considered less hostile and showed an evident reluctance to interfere. ... The King restored tranquillity by an ordinance, reducing the price of the quart of beer from ten kreutzers (3¼ d) [2] to nine kreutzers (3d)."

Wikipedia sieht die Bierrevolution sogar als Vorboten der weitreichenden Märzrevolution von 1848, die sich in München ebenfalls an Bierpreiserhöhungen entzündete und wohl mehrfach meist im Mai stattgefunden haben muss, "trotz der wahrhaft großartigen Entwickulung militärischer Kräfte".

Nur der Vollständigkeit halber möchte ich erwähnen, daß es auch anderswo das Gemüt verdunkelt, wenn man am Bierhahn falsch herum dreht. So geschehen während der Lager Beer Riots 1855 in Chicago, als der Babtist Levi Boone den deutschen und irischen Arbeitern an ihrem einzig freiem Tag, dem Sonntag, das Bier abgedreht hat.
Oder denken Sie an die Salvator-Schlacht von 1888, wo eventuell auch ein erhöhter Bierpreis seinen Teil dazu beitrug.

Da in Bayern der Bierpreis als untrügliches politisches Barometer dient, hätte man zunehmend ab 1900 erahnen können, daß schlimme Zeiten bevorstehen. Spätestens 1910, als durch das Malzaufschlagsgesetzt der Dorfner Bierkrieg vom Zaun brach, muß dem ein oder anderem Stammtisch ein ganz dunkles Licht aufgegangen sein.

Der Krieg hat also das Bier gebracht und nur er kann es wieder nehmen, wie man das an der Russn-Maß festmachen kann. Denn diese entstand im Revolutionsjahr 1918, als das Land vom Krieg ausgezeert war, die Rohstoffe knapp und die Kommunisten im Mathäser-Keller von frühfaschistischen Schlägertrupps belagert feststellen mußten, daß das Weißbier von der Tränke zur Neige geht. So mußten sie wider Willen, wie ich vermute, den guten Gerstensaft mit Limonade mischen, um dies Unheil einigermaßen heil zu überstehen. Seither bestellt man einen Russn, wenn man das Obergährige mit Limonade gemischt haben will.

Weil diese Biermischerei den Roten bei der Machtübernahme offensichtlich sehr geschadet hat, kam schließlich die braune Rotte ans Ruder auf dem Biersee. Einem Biersee, in den Jahren 1918 bis 1945 so bewegt, daß man heute noch von der Hauptstadt der Bewegung spricht.

Wie sonst hätte es ein vegetarischer Antialkoholiker wie Herr Adolf Schicklgruber geschafft in München und später auch im tausendjährigem Reich an die Macht zu kommen.

Von einem Siegeszug des Russen, von Lenin mal abgesehen, kann man bis 1945 also wahrhaft nicht sprechen. Selbst danach hat er es nie bis nach München geschafft. Ich befürchte fast, dem Russen hätte man schon eine Wasserstraße aus Vodka von Moskau nach München errichten müssen, daß er es mal so weit bringt.

Der Krieg hat es gegeben, das Bier, und dann hätte er es nach dem 1.Weltkrieg am liebsten auch wieder genommen. Daß das Bier das Dritte Reich und den antialkoholischen Schicklgruber überleben konnte, grenzt an ein Bierwunder.

Von der Rohstoffknappheit und der Inflation bereits schwer getroffen, wurde das Bier noch dringend gebraucht, um das Volk willfährig zu halten und die durch die Stadt galoppierenden braunen Horden massiv besoffen, um alles kurz und klein zu schlagen, was nicht bierselig genug sich dem Untergang der Gemütlichkeit ergab.

Doch schon 1922 kostete die Maß auf der Wiesn 50 Mark und das Hendl 500 Mark, weßhalb bis 1932 nur noch der Augustingerbräu, Wagnerbräu und der Schottenhammel die Pforten zum Himmel der Bayern eröffnen konnte. Wen wundert es, daß ausgerechnet 1932 auch die erste Geisterbahn auf dem Oktoberfest, den noch eskalierenden Schrecken und Horror mehr als andeutete.

Kein Wunder auch, daß dem Oktoberfest ein Besuch Hitlers, Vegetarier und Nichttrinker der er war, immer erspart geblieben ist, wo er vor lauter Bier, Hendl und Fischsemmel verdurstet und verhungert wäre. So läßt sich der Sieg der Braunen in München nur mit der Hirnverbranntheit der aus dem Umland anrückenden Freikorps erklären, wo doch ein Herr Hitler auch nie seinen Deckel im Schelling-Saloon beglichen hat, auf dem vermutlich so manches Limo, Tee und vielleicht Kartoffelsuppe vermerkt waren, und deßhalb wenigstens hier mit einem Hausverbot vertrieben werden konnte, während Lenin in der selbigen Lokalität immer brav seine Rechnung bezahlt hat.

Da das Bierpreisbarometer ja nicht auf Bayern beschränkt ist, wie die ehrenwerten Besucher der Schalke-Arena mit ihren Spruchbändern "Bierpreise wie im Puff - wo bleiben die Nutten!!!" gezeigt haben, und davon auszugehen ist, daß die Weltkriege nicht der letzte bewaffnete Konflikt in Europa gewesen sind, kann einem auch die diesjährige Eskalation um den Bierpreis zwischen dem reformorientiertem Stadtrat und den Wiesnwirten teuflische Sorgen machen. Ich denke, nur Freibier kann uns aus dieser verflixten globalen Situation noch retten.