Wären da nicht abertausende von Satelliten am Firmament könnten wir mit einfachem Auge das Sternbild Napoleon erkennen - ein Mythos begraben unter blinkendem Eisenschrott. Und hier stoßen wir auf eine der Paradoxien der Postmoderne. Internet und Starlink,
die Kommunikation an ihre Grenzen getrieben, und doch spricht keiner mehr mit keinem, verschüttet und zugemüllt mit sinnfreier Content-Politik. Wir fühlen uns besser mit Bots und einer niemals widersprechenden KI, als mit einem Nachbarn, der sich mehrmals die Woche mit den Siegen des FC Bayern berauscht.
Anstatt den Mythen des vom Skorpion verfolgten Orion zu lauschen, wohnen wir nun an Luftverkehrsstraßen, Drohnenschwärmen und einer Flut von UFO-Sichtungen. Wir glauben lieber an Aliens, die, wer hätte es gedacht, immer irgendwie wie wir selbst aussehen. Unsere Fantasie reicht nicht darüber hinaus, wie auch der monotheistische Zorn durch einen alten, weißen Mann mit Rauschebart verkörpert wird.
Wir hätten es, zumindest hier im Rumpfeuropa schon seit Jahrhunderten ganz gemütlich haben können. Doch der europäische Traum hat sich für mich schon vor 211 Jahren ausgeblüchert. Sinnigerweise an einem Ort Water-loo, dem Ort an dem wir den Embryo Europa frisch vom Geburtskanal direkt ins Wasser-clo gespült.

Da war er uns dann doch europäisch genug der Russe, um zusammen mit ihm die alte Ordnung inklusive ihrer soziopathischen Vorstellung von Nation bis ins heutige Zeitalter hinüber zu retten.
Wenn man sich aber der ersten Geburt verweigert, wird's bei der zweiten Geburt eben eine Totgeburt. Ein Europa der Nationen. Eine WG ohne Wohnzimmer, wo jeder in seiner eigenen Küche kocht. Um genau zu sein: 27 Küchen, in denen jeder sein Süppchen kocht.
So falsch kann ein Mann nicht sein, der den Rechtsverkehr erfunden hat und dank dem sich gerade und ungerade Hausnummer auf ihrer jeweiligen Seite befinden. Ein Napoleon in seiner Frühphase hätte der Startschuss für säkulares Europa sein können, das für sein demokratisches Verständnis dann nur noch einen Kopf hätte abtrennen müssen.
Ein Europa der Regionen. Regionale Autonomie unter einer demokratische Ägide und nicht 27 Küchen. Nehmen wir mal die
244 NUTS-2-Regionen der EU. Überschaubar und doch nicht zu klein gestückelt wie das heilige römische Reich mit seinen über 300 rivalisierenden Fürstentümern vor den napoleonischen Gebietsveränderungen (dieser proaktive Mann hatte echte Visionen). Ein Palast mit 244 Zimmern und einer Großküche. Gemeinschaftsduschen, denn wer sich nackt gesehen hat, wird sich nicht mehr abschlachten. Nur um den Putzplan, dem wohl größten Hindernis jeder WG, wird man sich in Brüssel stets aufs Neue widmen müssen.

Ich habe augenblicklich das Bild der Erinnyen, der Unaufhörlichen, dem neidischen Zorn und der Vergeltung, die grausige Vorstellung der drei Rachegöttinen, vor Augen, wenn ich an die neo-nationalen Parteien denke, die es sich ganz heimlich gemacht haben in unserem Nest, die uns ihre Kuckuckseier unterjubeln, und dreist wie sie sind, ihre fetten Ärsche schon in den Sesseln des europäischen Parlaments gepflanzt haben, und doch die bis zur Unkenntlichkeit verweste Leiche der Nation wiederbeleben wollen.

Die Vorstellung zukünftig wieder fünf verschiedene Währungen im Alpenraum in einen einzigen schmalen Geldbeutel zu quetschen, ist da noch meine kleinste Sorge. Allein in meiner NUTS-2-Region gibt es 68 Dialekte - wie wird das erst, wenn wir Europa erneut fragmentieren.

Für dieses Pack sollten wir uns bereits jetzt preppen und einen kleinen neuen Napoleon heranzüchten!

Leider scheinen auch unsere zu Rumpfparteien geschrumpften Nachkriegsparteien ihren Machtanspruch, weder nach oben noch nach unten abgeben zu wollen. Selbst gegen die Erpressung durch transatlantische Hegemonen stemmen sie sich, eine gemeinsame europäische Verteidigungs- oder Migrationspolitik zu schaffen. Der eine keinen Frosch, der andere kein Kraut, jeder sein eigenes Süppchen.