Wiesn 2026 - nicht mit mir
Wiesn?! Mein heutiges Gesicht im morgendlichen Spiegel sieht aus wie eine Kinder-CD - verkratzt, zerfurcht und voller Schmuddel. Wie kann das eine Gesichtserkennung händeln?
Wenn man mich als hingegen als Gesichtserkennungskamera einsetzen würde, wären alle sicher vor Überwachung. Für mich sehen aus vier Meter Entfernung alle gleich aus. Ich bin auch kein Freund von Fernwärme. Aufgrund meiner Körperbeschaffenheit bin ich ein großer Befürworter von Nahwärme. Ich stehe gern allein am Holzofen und heize mich auf, ich mag keine Anderen.
Und jetzt wieder die nächste Scheiß Wiesn. Wo man früher die heimischen Fanatiker von aufgeblasener Boaznstimmung mit Freimarken lockte, um wenigstens in den Außenbezirken der Stadt zwischen 10 morgens und 10 Uhr abends ein wenig Ruhe zu finden, importiert man jetzt das weltweite Lumpenpack, das ausschließlich vom Stammhirn gesteuert wird mit den Grundfunktionen Saufen, Pissen, Ficken. Für das kulturelle Großereignis Oktoberfest.
Ein Schauspiel ist für mich die Morgendämmerung, die Symphonie der Vögel, der taufrische Bodennebel, das Lichtspiel der Pappel, der erste Ausflug des Zitronenfalters, während es für andere ein in Wände gezwängtes Theaterstück ist, zu Unzeiten, wo jedes normale tagaktive Tier längst in seiner sicheren Höhle liegt. Zu mir spricht eine Birke weit deutlicher als ein Heinrich Heine. Sie hat durch die Flechten an ihrer Wetterseite, durch ihren Wuchs, die Ausbildung ihres Wurzelwerks das beständig mit den unterirdischen Pilzkulturen und anderen Bäumen kommuniziert, durch ihre Wunden, Zwiesel und den Baumkrebs auf Augenhöhe, durch die anmutigen Bewegungen der Baumkrone eine andere Ausdrucksform. In ihrer kulturellen Ausdrucksweise steht sie einem Heine zumindest gleich, in ihrem Spannungsbogen meines Erachtens weit darüber. Ein Hölderlin oder Trakl ist für mich nichts weiter als Sekundärliteratur - verglichen mit dem Sonnenuntergang in natura.
Wiesn mit dem Liter Bier für 15 Euro, aber bei der Anfahrt über den Benzinpreis jammern. Viel Spaß … ich will nur hoffen, dass mir morgen bei meiner Flucht nicht irgendein Folklore-Umzug in die Quere kommt.
Gleichmuth
O wie wohl ist der daran,
Der da kann
Sich begeistern,
Seine Feindin Sorge meistern,
Ist bei Glücke trotzig nicht,
Zag im Leiden,
Der behält in Leid und Freuden
Ein Gesicht!
Lacht das Glück, er denkt bei sich:
Hüte dich!
Sonnenscheinen
Kehrt sich bald in Regenweinen.
Heute da auf stillem Meer
Schiffe laufen,
Morgen sieht man sie ersaufen
Ungefähr.
Tobt das Glück, ihn trifft es nit:
Sein Gemüth
Felsengleiche
Weichet nie, wird niemals weiche.
Er sitzt allzeit klippenfest,
Ob das Sausen,
Ob das tolle Nordenbrausen
Auf ihn bläst.
Laß den Fels bestürmen sehr
Wind und Meer.
Sturm und Wellen
Müssen stets zurücke prellen.
Es steht seiner Wurzeln Erz
Unverletzet;
Nur sein Außen wird benetzet,
Nicht das Herz.
Tugend ist das rechte Glück,
Das zurück
Nimmer weichet,
Glück und Unglück wohl abgleichet.
Großmuth sich selbst Alles ist,
Wohnet innen,
Macht, daß du mit Stand der Sinnen
Glücklich bist.