Hyperakusis
Ich bin phonophob, ich bin ein Feind der Schallwelle, jeglicher Schallwelle, die in meinen Luftraum eindringt. Besonders misstrauisch bin ich gegenüber jenen Flachlandvölkern, die davon ausgehen, dass Stille ein bedauerlicher Systemfehler sei.

Ich dagegen bin ein Architekt der Stille. Denn erst wenn nichts mehr klingt und frequentiert, kann das eigene Ich vorsichtig vorrücken. Die Stille ist kein Mangel an Geräusch, sondern ein hervorragend eingerichtetes leeres Blatt, auf dem sich die eigene Geschichte fantasievoll schreiben lässt. Die lärmende Masse hingegen scheint beherrscht vom Horror vacui.

Physikalisch hat der Schall in Luft ohnehin irgendwann seine Obergrenze erreicht: ungefähr 194 Dezibel. Danach wird aus der Welle gewissermaßen eine Druckkatastrophe. Man könnte sagen: Selbst die Physik hat irgendwann genug und bittet um Ruhe. Ich gehe davon aus, dass wir uns aufgrund der Tatsache, dass sich Schall unter Wasser sich noch schneller auf sein Opfer stürzt als an der Luft, evolutionär aus dem Wasser an Land bewegt haben.

Das Universum selbst liefert dafür einen gewissen Trost. Im Perseus-Galaxienhaufen erzeugt ein Schwarzes Loch Druckwellen im heißen Gas – einen Ton, der etwa 57 Oktaven unterhalb des mittleren C liegt. Eine Schwingung dauert dort ungefähr zehn Millionen Jahre. Das ist eine angenehme Form von Musik: Man muss nicht befürchten, dass der Refrain plötzlich wiederkommt. Leider ist auch diese kosmische Gelassenheit nicht von Dauer, denn auf der Erde genügt bereits ein Staubsauger, um die Zivilisation an ihre Grenzen zu führen.

Am Anfang war das Wort - will heißen: zeitgleich mit der Entstehung des Universums kam der Schall. Der Urknall war auch gleich das lauteste Geräusch, das uns aus dem Nichts geblasen hat. Vielleicht erklärt sich daraus die rätselhafte urmenschliche Neigung zur Hyperakusis, zur Phonophobie und zu jener existenziellen Abneigung gegen Geräusche, die man gewöhnlich erst bemerkt, wenn irgendwo jemand einen Kugelschreiber fallen lässt. Schallwellen sind schließlich keine lockenden Sirenen, sondern parasitäre Wesen, die sich von Stille, Ruhe und dem akustischen Nichts nähren. Je weniger man hören möchte, desto hungriger werden sie und wollen gleich alles vollkritzeln mit ihren Frequenzen.

Überhaupt ist die Welt voller akustischer Zumutungen, die sich als Kommunikation tarnen. Das Rascheln einer Chipstüte im Kino, das Klappern von Besteck in einem überfüllten Restaurant, das unvermeidliche Räuspern kurz vor dem Beginn eines Vortrags. Es sind kleine akustische Terroranschläge auf das leere Blatt der Stille. Und immer gibt es jemanden, der danach sagt: „Ach, so laut war das doch gar nicht.“

Doch Lärm ist nicht nur eine Frage der Dezibel. Lärm ist auch eine Frage der Ungefragtheit. Ein einzelner Vogel kann den ganzen Morgen zwitschern, ohne dass man ihn des Lärms bezichtigt. Ein Mensch dagegen kann drei Minuten lang über den Preis von Benzin oder Marmeladengläsern sprechen und damit einen akustischen Ausnahmezustand herbeiführen. Offenbar besitzt das Universum keine objektive Lärmmessung für das Unerträgliche.

Vielleicht liegt darin die eigentliche Aufgabe des Menschen: nicht immer noch mehr zu sagen, sondern gelegentlich etwas unausgesprochen zu lassen. Einen Gedanken nicht auszuformulieren. Einen Satz nicht zu Ende zu bringen. Ein Gespräch einfach in der Luft stehen zu lassen, bis es sich von selbst in Stille verwandelt.

Und irgendwo dort, weit unterhalb des mittleren C, schwingt das Schwarze Loch im Perseus-Galaxienhaufen seinen kosmischen Bass. Seit Millionen von Jahren.