Donnerstag, 30. August 2012
Der Tod ist eine Endung - Kapitel 1 Absatz 7
Der Charme der Hegemonie und das Rasseln der Äquivalenzketten der 99%



Nachdem wir die letzten Weintrauben von Tellern gefischt hatten, auf denen sich nun, von der Raumtemeratur getrieben, Käsereste breit machen, flachen die lebhaften Gespräche ab. Das vormals knisternde Holz glüht schweigsam vor sich hin. Die lautstarke Hüttenatmosphäre tritt in den Hintergrund und nun sitzen Vincenzo und ich plötzlich in der ersten Reihe.

Mein erster Eindruck, im Hauptquartier der Handlanger gelandet zu sein, verkehrt sich nahezu ins Gegenteil. Der schwarz-rote Stern am Revers meines Tischnachbarn strahlt durch den wolkenlosen Raum. Und mir gegenüber scheint die Dreifaltigkeit der italiensichen Kommunisten zu sitzen: Gramsci, Bordiga, Tasca, das Dreigespann der PCI, mit Gramsci als Universalgelenk, das in der Lage ist, den Dualismus parallel und zeitgleich zu setzen.

Anarchische Rauschebärte mit einer mütterlichen Sanftheit in ihren lauschenden Blicken, die sich nun auf uns konzentrieren, nicht fragend, aber doch gesprächsbereit. Andererseits scheinen alle zu wissen, worum es uns geht, denn am anderen Ende des Tisches, aus dem Gramsci-Trio heraus, erhebt sich eine Stimme, die an der bisherigen Unterhaltung unbeteiligt blieb:

"Ihnen ist sicherlich nicht entgangen, daß der Kapitalismus eine janusköpfige Erscheinung ist, bei der es um bare Münze geht, deren dunkle Seite für die zweidimensional gehaltene Bevölkerungsmasse nicht sichtbar und somit auch nicht existent ist. Zur Produktion und Schaffung von Produktivkräften in Saft und Lohn, gehört eben auch deren periodische Zerstörung.
In Zeiten der übermäßigen Produktivkraft, der Überproduktion und somit der Krise, ist es nicht ganz unangemessen, sich von größeren Menschenmassen fernzuhalten. Sei es weil sie sich selbst abschlachten, sei es, weil sie ein logisches Weichziel darstellen. Der Krieg - der Demozid, aber auch der Genozid und neuerdings die scheinbar wahllose Vernichtung - ist die kapitalistische Lösung der Krise.

Nehmen wir das Beispiel Joel Brand, den Leiter einer Untergrundorganisation ungarischer Juden, der von der SS damit beauftragt wurde, mit den Westmächten in Kontakt zu treten, um über den Verkauf von einer Million Juden in Verhandlung zu treten. Die Maximalforderung von Seiten Eichmanns wären 10.000 Lastwagen gewesen. Für jene gutgläubigen Bürger, wie auch anfangs für die SS, war und ist es unverständlich, daß die Entscheidungsträger der Westmächte, diese aus dem Produktionsprozeß ausgestossenen, dem Tode geweihten Juden nicht einmal geschenkt gewollt hätten.

Sie müssen sich auf der Suche nach den Hintergründen des Anschlags auf den Castor, und wie wir wissen, jener zeitgleichen Anschlagsserie auf den Straßen Ihres Landes, dieser Art zu denken nähern. Sie sollten sich mit einer Horde gewissenloser Volkswirtschaftler umgeben, denn mit einem eher unnützem Haufen geheimdienstlicher Schlapphüte. Es muß nicht zwangsläufig die Nukem selbst sein, die sich ihre schuppenfreien Hände reibt, weil sie den Castor samt Feindesmasse so billig entsorgt bekommen hat und sich von der Versicherungssumme nun gleich drei neue Behälter kaufen kann. So läuft das nicht. Die Verbindungen sind weitläufiger. Vielleicht sollten Sie allerdings den Seidenfäden des Netzes von hier ab folgen. Machen Sie doch mal Urlaub im Süden Argentiniens und sehen Sie sich an, was sich mit Mini-Nukes so alles anstellen läßt.

Wir sind der Meinung, daß es sich bei der Castor-Inszenierung, um eine versuchte Dislokation handelt, um die Aufsprengung einer Bruchlinie, die Gefangenenbefreiung der sozialen Wirklichkeit, die einen Diskurswechsel, eine Reartikulation bis hin zu Erlangung der Hegemoniegewalt handelt. Lesen Sie sich ein bei Laclau und Mouffe.
Hauptverdächtige wären selbstverständlich die Atomkraftgegner selbst, aber im Gegensatz zu Affektmorden sind es in Fällen wie diesen zumeist nicht die nächsten Angehörigen. Hier bombt sich eine dritte Kraft nach oben, deren Existenzmöglichkeit wir bisher eventuell noch garnicht begriffen haben, ein moderner Prinz ohne Ahnentafel.

Versuchen Sie einen Zirkelschluß zwischen diesen beiden Ausgangspunkten zu ziehen, denn wo diese sich treffen - und das muß ja nicht zwangsläufig in unserem planetär begrenztem Raum-Zeit-Gefüge sein ..." Er beginnt schallend zu lachen und es dauert, bis er sich wieder fängt, um seinen schulmeisterlichen Vortrag abzuschließen. " ... da werden Sie auch jene finden, die Sie suchen. Wir übrigens auch.
Stellen Sie jetzt bitte keine Fragen, sondern lassen Sie uns den Abend noch feuchtfröhlich ausklingen."
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