Montag, 31. Januar 2011
Die Sauberer
Den Brandgeruch, den Sie beim Lesen vielleicht bemerken werden, kommt nicht von der Lunte, die ich zünde, sondern durch den Burnout, der entsteht, wenn man voll beschleunigt, sich aber nicht bewegt.

Bisher lenken die Sauberer den Karren, den gegenwärtigen Diskurs des Rausches, mehr im Graben als auf dem holprigem Feldweg. Wer sind diese Sauberer und wo wollen sie hin mit ihrem Karren?

Die Sauberer sind die Erfinder der momentanen Drogenpolitik. Alles sauber. Die Straße und das Gewissen. Alles sauber. Die Nadel und der Stoff. Alles sauber hergerichtet und verpackt, alles sauber finanziert. Das Elend gut verwaltet, das läßt sich eine reiche Großstadt schon was kosten. Aber eben nur verwaltet. Verwaltung ist der Begriff eines Zustands und nicht der Bewegung.
Der neurotische Grundzustand unserer Gesellschaft ist derzeit sozusagen der Putzfimmel. Alles sauber. Und gutes Putzmittel kostet gutes Geld. Alles sauber finanziert. Aber wer mit Kohle heizt, darf vor Ruß keine Angst haben. Vielleicht ist unsere Kultur so konservativ, daß wir ohne Junkies gar nicht mehr leben wollen.

An den kranken Körper hängt sich der Gehilfenapparat der Sauberer, die Frontschweine der Drogenpolitik, Polizei und Sozialarbeit. Zuckerbrot und Peitsche. Und die arbeiten sich da mal so richtig rein, wie Maden in den Apfel. Mit Fortbildungen und Seminaren, mit Konzepten und QM. Wir sind nicht weit davon entfernt, daß neben jedem Streetworker ein Pressesprecher läuft. Das kostet Geld. Und das machen wir mit Kopfpauschalen für Auflagengruppen und Vorbereitungskursen für die MPU. Wer rausfliegt aus der Gesellschaft, darf mal so richtig abdrücken, und wer wieder reinwill, gleich nochmal.

Die Sauberer reiben sich ihre in Unschuld gewaschenen Hände. Sauber kalkuliert. Wem die Ratenzahlungen das Pfändungskonto auffressen, dem nützen 5 Euro mehr ALG II auch nicht. Und dem bleibt auch nichts für die Fahrkarte am Monatsende. Und das kostet dann nochmal, so daß die anschließend gestohlene Flasche Apfelkorn beim Lidl samt Fangprämie zumindest beim Frust auch nicht mehr groß zu Buche schlägt.

Dafür läßt sich jetzt das Geld für die sinnlosen Bewerbungen gleich einsparen und kann in die Ratenzahlungen einfließen. So finanziert sich die Schicht am und unter Sozialhilfeniveau selbst und den Gehilfenapparat gleich mit. Das Konzept dieser Drogenpolitik könnte von der Deutschen Bank stammen. Wer will denn da aufhören, sich bewegen?

Und was heißt schon Aufhören? Wäre schön, wenn der Schuldenberg, die fehlende Ausbildung und die Vorstrafen aufhörten, die Alpträume und Schnittwunden, wenn die fehlenden Eltern wieder da wären und die schlagenden Eltern wieder aufhörten. Wann hört das Aufhören endlich auf?

Nur wohin soll es gehen mit dem Karren?

Die Drogen brauchen zunächst Maßeinheiten, Reinheitsgrade, Namen. Sie brauchen entsprechende Verpackung, kein Staniolpapier. Sie brauchen Beipackzettel, voluminöser als das Medikament selbst. Ich habs schon verraten: wir brauchen Medikamente und keine Drogen. Wir brauchen sauber. Und richtig sauber macht nun mal nur die Pharmaindustrie. Mit Methadon, Ritalin und der Ärzteschaft hat sie es geschafft, die Drogensucht umgebungsfreundlich zu gestalten. Never mind the profit.

Sauber und nicht zu viel. Also alles in Maßen und dann auch nur von manchem. Ein Teller Pasta ohne Sauce, Salat ohne Dressing und das Wasser still. Wir brauchen keine Drogen mehr. Lustfeindlichkeit wäre hier vielleicht der falsche Begriff, wo uns 4-Meter-Flachbildfernseher jeglichen Zugang zu Kant und Bonsels verstellen, wo Glutamat alles Salz und Pfeffer im Schrank verrotten läßt, wo wir nicht jede Schokolade mögen und kein Leitungswasser trinken.

Nur ein Bier und nur am Freitag Abend, weil man sich nicht so daran gewöhnen möchte. Gelüstet mir nach etwas weniger, wenn ich weniger und nicht so oft davon habe? Warum nicht jeden Tag segeln, vögeln, fischen? Oder alles in Maßen, aber dann bitte von Allem. Zeit ist der größte Feind des Genusses, sonst hätten wir wöchentlich zehnmal Feierabend und könnten vierzigmal ausschlafen.

Wo wollen wir hin? Brauchen wir keine Drogen mehr? Kein Fleisch, kein Fisch. Ovolaktisch keine Milch mehr in den Kaffee, keinen Kaffee, keinen schwarzen Tee, keinen Zucker. Morgens die Biozitrone mit frischen Dillspitzen alleine auf dem Frühstücksteller, beschützt von einem Glas Wasser vom Vortag. Abends räkeln wir auf unserer milbenfreien Couch und die vom Garten ins Haus getragene Frischluft wird nur leicht zerrissen von einem Duft frischer Malve. Nach reichlich Lektüre und Muse schwebt unsere zu Leib gewordene reine Seele zu Tische und wir würdigen mit all uns gegebenen Sinnen die vom Hauch der Olive durchtränkte, in Scheiben zu neuem Leben erweckte Aubergine nebst frisch gepressten Orangen.
Sex nicht zu häufig aufgrund der starken Stimulation und Reize. "Ich brauch da oft Wochen bis ich mich wieder klar kriege." Und auch dann nur in Maßen.

Keine scharfen Gewürze mehr? Das gefällt nicht jedem. Das gefällt eigentich fast keinem. Nur sagen darf man es nicht. Das gebietet der Konsens. Eigentlich würde jeder mal gerne das eine oder andere, oder tut es sogar.

Wie können wir denn von Erlösung träumen, wenn die Guten aussterben und nur die Schlechten wiedergeboren werden?
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