Dienstag, 8. Juli 2014
Was man besser nicht überschreibt
Kaum lässt man mal zwei Wochen ohne eine Idee verstreichen, schon klopfen die Jandl-Schüler an mit ihrem verbildeten Wortwitz. Nee, nee, nee, da saug ich mir mal lieber schnell was aus der Gehirnwindung, ehe ich von noch mehr Kommentaren bedrängt werde.
Agieren, nicht reagieren, sagt da mein Mann. Und meint natürlich sich selbst, nicht mich.

Ich weiß nicht, ob sie das kennen, wenn man Ihnen in den Kopf schießt. Da kann man sich anschließend dann den Kopf darüber zerbrechen, über das Warum. Es sei denn, man kommt aus einem afrikanischem oder us-amerikanischem Krisengebiet - da scheint das ja zum Standardrepertoire zu gehören, so ein Kopfschuss, den man nicht persönlich nehmen muss.

Für mich aber, die ich aus einem waffenarmen Land stamme, ein aufrüttelndes Ereignis und der Tag hat ein Thema: Krieg. Und zwar ein Krieg an der Heimatfront. Ein Krieg der Herzen und Gefühle. Rosenkrieg, verblümt gesagt. Ehekrieg grob gesagt.

Mein Mann ist Drohnenpilot, während mir die Tante Arbeitsamt diese Fortbildung nicht genehmigt hatte. War ich doch Mauerschützin, als die Mauer noch stand, und er nur Pantoffelheld, ein echter Kenner der Funkuhr und bei Serien der Staffelkommandant. Wir hatten uns kennengelernt, wie sich auch schon meine Eltern kennengelernt hatten. Beim Fernsehen. Ist einfach besser, wenn man nicht alleine im siebten Stock im Elend sitzt. "Harsh navigation in featureless terrain" war der Geheimcode für seine Partnerwahl, also mich. Nur am Traualtar hat er mich mal seinen "signature strike" genannt. Nun hat er heute klammheimlich während seiner Arbeitszeit, statt Feindesland unter Beschuss zu nehmen, die Heimaterde mit Gülle beackert. Nämlich unser Eheglück.

Nach Jahren kramt er houdinimäßig eine seltsame To-Do-Liste hervor, die er über die Jahre geschrieben hätte. Mich wundert schon, dass da Blasen am Glory Hole der kapputen Küchentür nicht an oberster Stelle stand.
Wenn Sie Probleme in der Beziehung haben, schreiben Sie (das "mit" will ich standeshalber mal hier einfügen. Er hat es irgendwie vergessen) Ihrem Partner deine To-Liste, will er mal gelesen haben. Und desshalb nenn ich sie Tu-Du-Liste. Warum soll er immer alles alleine machen, wo ich am Ende garnichts von mitbekomme, hat er sich gedacht und mal schnell seine Partnerkritik in der Arbeit auf DIN A5 gebannt. Statt die Drohne über Feindesland zu steuern, hämmert er mit den Tasten auf mein Gemüt. Eine Hinterliste, die mich in die Defensive bringen soll. Hat er wohl irgendwo auf so einer militärischen Schulung aufgeschnappt und heute in den letzten Feierabendstunden auf Druckerpapier gezaubert. Desshalb zaubert er sie auch aus seinem Aktenkoffer, so als hätte unser Ehevertrag schon eine Nato-Kennziffer.

Glück ist eben ein fossiler Brennstoff, der irgendwann ausgeht. Ein begrenzter Energieträger mit dessen zur Neige gehen auch das Pech sein Ende findet, denn ohne Glück auch kein Pech. Des Einen ist dann des Anderen. Das Gemisch von Pech und Schwefel gerät aus den Fugen, ein polartiges Umschlagen und aus Liebe wird Feindschaft. Schliesslich wird es zum weissen Zwerg, wie es die Kosmologen formulieren, und last but not least zur Supernova, wo man gerne noch mal heiratet. Und letztendlich das Endstadium, dem sich auch unsere Ehe nähert, das Schwarze Loch.

Ich habs schon verstanden, was da nicht so gemeint war.

Muss er jetzt nicht so rumtun. Wär ihm wohl lieber, wir würden unsere Differenzen als zwei Drohnen über Niemandsland austragen. Das Machwerk liesse sich auch in einem Satz ausdrücken. Er bemüht sich über Jahre erfolgreich (sic!) weniger zu schnarchen, während ich verlernt hätte, Frau zu sein.
Fun facts about the cold war 2.0, ist ein gnädiger Ausdruck für das machöse Gestammel, das nur so ein gehirnpürierter Weichteilträger, dessen Geschlechtsfaschismus nicht mal mit Unmengen an Östrogenhendeln unterzukriegen ist, aus diesem hervorwürgen kann.

Vielleicht stirbt man selbst an seinen Gefühlen. Das Gefühl selbst stirbt nie. Wer das graue, eigentlich farblose Schwarz, das Grauen der Ehe, gesehen hat, wird es nicht vergessen. Die aufgestossenen Tore zur Hölle kann man nicht einfach wieder hinter sich zumachen. Da kann ich dann schon verstehen, dass er inzwischen D-Cycloserine in sich reinstopft wegen dem posttraumatischem Stress Syndrom. "Whiping away fearful memories" steht da irgendwo im Waschzettel. Eine Partnerberatung halte ich für rausgeschmissenes Geld und für zu riskant, insbesondere für die Therapeuten, diese Scheidungsparasiten, die die Leiche mit Gegengift für möglichst viele Therapiestunden am Leben zu erhalten versuchen.

Woher kommt nur dieser Schmerz? Wenn man den fauligen Teil vom Apfel abschneidet. Von der Neuverdrahtung der Neuronen, wenn das Nervenkostüm in der Änderungsschneiderei ist. Wenn man einsehen muss, dass das Elend im siebten Stock allein nur halb so elend ist.

So wird das auch wieder was mit dem Schreiben muss weh tun, muss weiße Blüten aus dem grenzenlosen Blau schneien lassen. Schreiben treibt die Gicht in die herausstehenden, herrenlosen Knöchel, die wie Emos von Tastatür zu Tastatür huschen hüpfen hurten, wie Leichen sich von Taste zu Taste schleppen. Einen Text raus und runter holen. Ich bin nicht stolz die Hölle gesehen zu haben. Aber lieber die Hölle, als ein Jandl-Gedicht. Desshalb bin ich ja die hartelinie. Eine Linie, die nicht umfallen kann. Leider, wie sich das der belastete Kreislauf oft einredet, und Jandl-Liebhaber hoffen. Eine Linie, ein Strahl, keine Welle wie das unentschiedene Licht und nie wieder ein Kreis. Das kann ich Ihnen Versbrechen.


So viel also zum ersten Bier nach dem Urlaub ... aber unterschreiben möchte ich das so nicht.
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Samstag, 29. März 2014
Ode an die Kernkeule oder (xiangwèi) (zìyóu)


Mal kurz mit der Jogginghose rüber zum Supermarkt, traumverloren, Bier holen. Auf halbem Weg, wo mich eigentlich, deutschdemokratisch an der Mittelstreifenbegrünung, die knappe Tonne Blech und Plastik aus dem Leben reissen sollte ... streift mich das lieblichste Händchen aller Finger, die jemals einen Verbund gebildet hatten. Finger, die sich erkundigen, ob ich gut nachhause gekommen wäre. Finger mit Beinen, die sich stets auf kürzestem Weg dahin bewegen, als wäre das Leben ein Monopoly. Beine so flink wie das Köpfchen. Ein Körper rund um ein Gesicht, geschaffen um Letzteres niemals in Verlegenheit zu bringen. Sprich, Brüste, Beine und ein Traumarsch, um von der Wesentlichkeit abzulenken, um zu vertuschen, was man eigentlich sieht - magisches Dessert im Traummaterienmantel. Ein Prachtgehäuse mit ner Umkleidekabine für die Seele.

Abgewaschen im Fluss der Zeit dahintreibend, auf dem Weg zum Bier also, stosse ich auf diesen Stein, einen jungen. Ein Brocken härtester Granit, und trotz seiner Härte immer noch im jugendlichen Alter, im Abendlicht diamantenen Schimmer versprühend. Edelgranit vom Feinsten. Mein Lebensquant, mein Fragenkatalog trifft auf eine Jahrhundertmutation in der Raumzeit, die Antwort, den grossen genetischen Schritt, vom Perversen zum Perfekten.

Der Granitblock verweilt in seiner Haltung, denn schöne Dinge verlangen keine Aufmerksamkeit. Er sagt nicht viel und doch hält das Leben plötzlich mehr Antworten als Fragen bereit. Mein Gefühl wickelt sich um den Stein und der Rest der Welt wird zum Vakuum. Doch wie alles im Fluss der Zeit nur en passant, ein Moment, der geht wie er kommt.

Du Granit meines Herzens, Dich drehe und wende ich, Kernkeulingerin, Du bräunste aller Häute heute am Spieß. Und mit Dir röste ich mein Gefühl, das wie behütendes Geschenkpapier um Dich sich hüllt. Samt, Haut und Haar, Finger, die sich nicht ständig Salami ins Maul stopfen, Füsse in Socken verspielt und all die leckeren Innereien. Wie alles eben nur en passant ohne Punkt und ohne Komma

Oh Edelduft, du alte Socke, back mir einen Pheromonkuchen, du Schatten einer Achselhöhle, mir schwillt Schwülst, der Kamm und alles darunter. Du ewig blühend Blumenpracht, stets knospend, treibend. Schenk mir dein Saft. Ein und voll das Glas nach dem anderen. Gib Einhalt meinen Wollenwünschen, halt ihn auf, den Begehr, lass die Trauben fliegen und lauf. Bleib hier, während du gehst und lass die Tauben liegen. Die Sukunft ist reislos, nur das Jetzt ist knackiger frischer Salat. Wenns für morgen auch noch gut sein soll, benützt man besser kein Dressing.

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Donnerstag, 27. Februar 2014
Das Tüpfelchen ohne I
Lieber Peter, es war wieder mal ein echter Abhänger mit deinem Freund Ernst. Er konnte mal wieder nicht. Es war zwar das erste mal, aber es ging nicht, bei ihm. Ist das das Ende einer Karriere, der stille Ruf des Vatikans, oder einfach nur die Psyche. Die Psyche eines Mannes, da klopf ich mir ja den Schenkel wund.
Es lag an mir. Sonst schreit mein Mann immer, wenn er kommt, "Erster". Aber diesmal kein Schrei, nachdem wir das Ding einfach nicht zum Laufen brachten. Von Kickstart mal ganz zu schweigen creme ich mir heute noch die Hände ein, so wund wie eigentlich die Schenkel hätten sein können und sollen - wäre er gekommen, oder vielleicht sogar mal ich. Soviel Gleitcreme hatten wir garnicht im Haus. Wie eine brünftige Robbe habe ich mich lasziv übers Bett rollen lassen, stundenlang. Aber Pustekuchen ohne Sahne. Psyche vielleicht nicht, aber seine Nervenleitbahnen und der zähe Blutstrom. Denn gewollt hätte er wohl schon, der alte Sack, der sich im Lichte eines hängenden Geschlechtsteils eher wie eine haarige Speckschwarte anfühlt, wenngleich er beim Aufriss eigentlich ganz wohlgeformt schien. Ist ja nicht so, als hätte ich die Flasche bereits leer gekauft.
Stand er den ganzen Abend über schon alleine rum, wollte er beim Anblick meiner Wenigkeit wohl lieber schlafen. Aha. Gelähmte Nervenleitbahnen einer sterbenden Psyche, wäre mein Tip. Aber wenns mir schon passiert, soll ich es nicht auch noch selbst analysieren müssen. Sich stundenlang dem müsigem Nichts hinzugeben scheint auf mich überzuschlagen, geistig wie körperlich. Mich überfällt die Angst, dass wenn er mich so ansieht, mir meine stolzen Brüste zu Hängetitten mutieren.


Liebe Maria, deiner Kurzmitteilung ist nichts hinzuzufügen. Sehr gelungen. Das hat auch eine sachliche Antwort verdient. Wie mir scheint handelt es sich hierbei um einen Mann auf harter Linie, der einfach ganz genau weiß, was Frauen wollen und brauchen, und es ihnen trotzdem nicht gibt. Seiner Frau würde ich gerne mal einen Obstkorb zukommen lassen. Das wird sie aufmuntern. Sehr anschaulich beschrieben ist das Ganze ja schon. Man kann regelrecht fühlen, was die Frau da durchmacht, insbesondere in Anbetracht dessen, was sie gerne durchmachen würde. Und sie ist ziemlich sicher eine Amazone vom andern Stern und so begehrenswert, dass es einem schon vom bloßen Hinschauen tropft. So hört sie sich jedenfalls an. Leider ist das männliche Glied undurchschaubar und die Männer im Allgemeinen noch bemitleidenswerter als diese Frau, die mir aber eigentlich ganz vernünftig vorkommt. Nachdem sie endlich nach all den Jahren den Ekel vor dem anderen Geschlecht abgelegt hat, passiert sowas. Da bleibt einem nur noch, die Marmelade zurück in den Kühlschrank zu stellen.
Der Text ist wirklich äußerst bildhaft formuliert. Ich fühle mich schon ganz als wäre ich sie. Wenn ich das Ganze so nachempfinde, würde ich mich jetzt an ihrer Stelle auf andere Dinge konzentrieren und den sexuellen Aspekt weglassen. Vielleicht spielt er ja gut Karten. Der Ort des Bettes scheint ja nicht viel zu bringen, außer Schmach. Und wer braucht die schon. Andre Mütter sollen ja Söhne haben, die mit dem Schwanz denken können. Das nenn ich mal Begabung.
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Mittwoch, 30. Oktober 2013
Blinde Liebe
Liebe macht nicht nur blind, so dass man oft die Zeilen nicht mehr findet, geschweige die Worte. Sie erzeugt eine Schreiblähmung, weil man für das Einzige, was man sagen möchte, eben die Worte nicht mehr findet in der Buchstabensuppe, die im Kopf wummert.

Und so entstehen dann Texte wie dieser. Verkniffen, gepresst, krampfend. Texte, die da hätten bleiben sollten, wo sie keiner findet. Texthülsen, ohne Inhalt, wie man selbst, weil es kein Innen mehr gibt.
Denn die Liebe ist nur authentisch, wenn sie sprachlos ist. Eine Liebe, die nicht anhaften kann, deren Empfänger verzogen. Eine Liebe, die man besser versteckt wie eine Flasche Bier auf einem Treffen der anonymen Alkoholiker.
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Sonntag, 20. Oktober 2013
Caught by an Angel

Zehn Jahre dahin –,
kein Tropfen erreichte mich,
kein feuchter Wind, kein Thau der Liebe
– ein regenloses Land ...

Du mußt ärmer werden,
weiser Unweiser!
willst du geliebt sein.
Man liebt nur die Leidenden,
man giebt Liebe nur dem Hungernden:
verschenk dich selbst erst, oh Zarathustra!

Nietzsche "Zarathustra"



Ich kenne die Farbe Schwarz wie aus meiner Hosentasche. Ich kenne die Farbe der Nacht aus der Jugend und jetzt wieder im Alter. Ich sitze da, abholbereit, abgeparkt auf dem Pannenstreifen. Alkoholbereit - den ich, ausgetrocknet wie Dörrobst, im Grunde schon nicht mehr in mich reinschütten kann, weil es kein Innen mehr gibt. Das Fleisch hängt mir von den Knochen wie Aas. Gefühlt bin ich eine einzige grosse Wunde, wodurch ich nun den Schnaps einfach äusserlich auftragen kann.

Meine Wohnung ist von einer Herde Fliegen besiedelt, die, da ich seit Monaten schon kein Essen mehr heimbringe, nur darauf warten sich auf mich zu stürzen, sobald mein Herz aussetzt. Und es wird bald so weit sein.

Es ist eine Ruhelosigkeit samt Schockstarre. Der Propeller in mir dreht wie eine Turbine, nur gibt es für meinen Körper nichts mehr zu tun. Ich bin gefangen in einem Kerker ohne Ausgang. Ich bin bei der Safari des Lebens vom Weg abgekommen und hab mich festgefahren im Strassengraben.

I am caught by an angel. Mein Herz ist an ihres gehaftet. Sie ist zurück auf den Olymp und mein Herz mit ihr. So muss es sich anfühlen, wenn man niemand mehr ist. Meine Umwelt nur noch ein belangloses Gefühl, ähnlich dem Surren der Fliegen in den offenen Bierflaschen.

Eine andere Art sein Innerstes nach aussen zu kehren ist, neben dem Saufen, die Liebe. Sich öffnend der Welt hingeben. Beides habe ich getan und kann nicht mehr davon lassen.

So antwortet Hermes in Kittlers "Metamorphosen der Liebe": „Fesselten mich auch dreimal soviel unendliche Bande, Und ihr Götter sähet es an, und die Göttinnen alle: Siehe, so schlief’ ich doch bei der goldenen Aphrodite!“
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Montag, 19. August 2013
After D8 ... oder Toasties for Maria
Sonntagmorgen im Service kurz nach Acht, wenn all die Lackaffen, Frühaufsteher und den August über der Stammtisch der Italiener das Frühstücksbuffet belagern. Der Tag wirkt unwirklich. Die Welt, die gestern noch so gut und geruthsam, ist heute morgen von Brüllaffen bevölkert, Brüllaffen mit Smartphone bewaffnet. Tausend Stimmen, die mir hinterherrufen, aber gequälte Stimmen, die mit mir in der Hölle gelandet sind.

Leider bin ich heute aufgewacht. Blind Date - der Tag danach. Der Kreislauf läßt wenig Raum für Bewegungen. Das Zittern ist schon ein echter Fortschritt. Die ersten schnellen Regungen des Tages. Eine schmerzlose Simulation von Hektik. Aber immerhin Bewegung. Wenngleich nicht zielgerichtet, am Tag der fallenden Dinge. Man sollt das Schöne nur greifen, wenn man anschließend den Schlamm nicht fürchtet.

Mit das Schönste am Blind Date war, dass ich meine Augen garnicht aufmachen musste. Und wenn, sah alles so aus wie im Traum. Nur heute ist das Blickfeld unermesslich gross, die Augen wie Stadttore von den feindlichen Truppen weit aufgestossen. Heute liegt die Welt in ihrer erschreckendsten Form vor mir. Die Vorhölle der Brüllaffen.

Heute bin ich bin mir nicht mehr so sicher, dass es gestern gab. After Date eben, ein Blindversuch ohne Teilnehmer vermutlich. So totenstill das Gestern, so laut ist das Heute und ständig wird mein Name gerufen, aber eben nicht von ihm, sondern von den Toasties, die in meinem Namen bestellt wurden. Toasties for Maria! Grauenerregende Toasties, die nach verbranntem Fleisch riechen. Ein Tag also, an dem man lieber keinen Namen hätte.

After Date, die Nachspeise, die sich nicht so zart beisst, wie sie beworben wird. Aber erstmal gibts herzige "Toasties for Maria!", nur nicht für mich.

zweite ernte
zweite wahl
nüchternheit

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Donnerstag, 15. August 2013
(- blind date -)

Blinde Liebe, Du streichst vorbei an mir als Lüftchen ohne Halt

Ich hab am Sonntag ein Blind Date. Ich werde Hemd tragen, Stoffhose, grau-grün, alles sehr locker, aber doch irgendwie eine Grösse zu klein, weiter Schnitt, kurze Ärmel. Ein schlichter Einband fasst ein gutes Buch.

Wir kennen uns zwar schon knapp zwei Jahre, aber wir sehen beide nicht mehr so gut - klar, aus natürlich auch nicht. Ein Familientreffen der Maulwürfe sozusagen. Zudem spielt das Gedächtnis nicht mehr so mit. Ich erinnere mich nur noch an das letzte Mal, also für mich das erste Mal. Aber trau schau wem.
Das hat neben den offensichtlichen Nach- auch erhebliche Vorteile. So gehen wir unbeleckt von der Vergangenheit an die Sache ran. Und es ist jedes mal wie beim ersten Mal.

In unserem Alter möchte man aber auch nicht so sehr auf den Geruchssinn setzen. Das klappt zwar immer besser, doch, wie Sie wissen, muffelt man mit den Jahren immer mehr. Knoblauch macht nicht jung, es überdeckt diesen Geruch, den wir aus Seniorenheimen kennen, der einem immer mehr anhaftet, bzw. aus einem herausströmt wie aus einem undichtem Ventil.

Seltsamerweise riechts im Hospiz dann nicht mehr so streng. Vielleicht ist da die sich schuppende Epidermis schon verflogen und die Drüsen dicht. Das wär doch mal ne Idee für ein Senioren-Deo, 'Ar-Oma', glitschig wie bei der letzten Ölung.

Im Grunde ist auch alles schon besprochen. Wie beim vorigen Date treffen wir uns schon am Nachmittag, dass wenn es schief läuft, wir uns abends getrennt mit unseren Freunden nachbesprechen können, um die Katastrophe einigermaßen auszubügeln. Wo man dann nochmal richtig auf den Putz hauen kann, wie eiskalt man ihn abserviert hat.

Ich bin trotzdem zuversichtlich, so weit eben noch sichtlich. Nach dem ersten Dutzend, ich meine Treffen, wird die Erinnerung nicht mehr mental, sondern körperlich abgespeichert. Die Blind Dates sind in unsere Zellstrukturen eingedrungen, jeder ein Teil vom Anderen.

Mit zunehmender Demenz wird die Birne zu einem Salatkopf. Man erkennt einerseits die Familienangehörigen nicht wieder, weiss aber dennoch, dass man keine Bananen mag. Unsere scheinbar 2jährige Beziehung ist somit mehr Frucht und Gemüse als Blut - vom Gefühl her. Ich mag sie, aber ich würd sie nicht wiedererkennen. Im späten Stadium des Alterns erinnert man sich sogar an lange Vergangenes und so wird einem auch bei Spinat wieder speiübel.

Speiübel ist demnach auch das Motto unseres blind date. Wir leiten das immer mit einem Hochprozentigem am Nachmittag ein und drauf paar lacke Bier. Da redet man dann nicht mehr so viel. Und damit sagt man auch weniger dumme Sachen, wenngleich das nicht wirklich von Bedeutung ist, da wir sonst sofort Plan B einläuten und schnell noch ein paar Schnelle wegkippen. Schnell wegkippen muss man natürlich, sonst kommt es zum gegenteiligen Effekt, dem Gau der Worte und quasselt als stünde man vor dem jüngsten Gericht. Redet sich somit vom ersten Wort an um Kopf und, desshalb auch Hemd, Kragen. Plan C wäre dann der Filmriss, Gott sei's gedankt.

Jedes zehnte Bier lassen wir aus und legen dafür die paar Ocken für eine gemeinsame Spendenleber zurück, die der bekommt, der zuerst umfällt. Das regt den Konsum gleich in zweierlei Hinsicht an. Zum einen hat man dann öfter dezimale Biere, die man auslässt, und damit die Summe für die Leber schneller zusammenkommt. Zum anderen will man natürlich vor dem anderen umfallen, dass man die Leber auch wirklich selbst bekommt.

So weit ich mich erinnere, verstehen wir uns inzwischen prima, was eigentlich unsinnig ist, da man sich Streit weniger am Anfang als am Ende einer Bekanntschaft leisten kann, wenn man miteinander eh schon nicht mehr ohne einander kann.
Ich schreibe vorwiegend, weil ich mir nichts merken kann. So weiss ich, dass wir uns vor rund zwei Jahren zum ersten Mal verabredet hatten. Ich zitiere:
"Hab mir grad mit einer Frau ein Grab gekauft. Ausser bei der Vertragsunterzeichnung haben wir uns nicht mehr gesehen. Aber nach dem Tode sind wir dann sicher vereint. Eine Seelenverwandtschaft. Is schon blöd, wenn's dann emotional schief läuft. Nich so gut für die Ewigkeit."

Geplant war auch eine Heirat postmortem, dass wir schon im Grab noch dem Finanzamt was wegnehmen können, ohne uns jemals gesehen zu haben. Vielleicht ist der Schaden anderer einer der Gründe, warum Menschen kooperieren und sich mögen. Ein echtes Blind Date. Da der Mensch aber menschlich und in seinem Haupttrieb wahnsinnig neugierig ist, haben wir es dann doch getan, anstatt zeitversetzt zur Vertragsunterzeichnung zu erscheinen.

Ich möchte hier nicht ins Detail gehen, da es auch eine andere Person betrifft, aber es gab zum Glück keine Kinder. Kinder, die dann später auch noch in das gleiche Grab, auf die Alten druff in die gleiche feuchte Grube sich betten wollen, wo es zu zweit schon reichlich eng ist.

Warum ich sie mag? Ich denke, weil sie mich mag. Das reicht für meine Verhältnisse. Vielleicht auch, weil ich über die Jahre in ihr verstohlen ein kleines flammendes Herz entdecken konnte, das garnicht mit allen Mitteln versucht, das Rennen um die Spendenleber zu gewinnen, sondern sich insgeheim freut, dass es immer wieder mal ein erstes Mal geben wird. Bis in alle Ewigkeit. Bis es keine Spendenlebern ausser uns mehr geben wird. Prost.
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Donnerstag, 8. August 2013
Real Life 2.1, Level 9 Bier
Feierabend heisst so weil er nachmittags schon anfängt. Mit einem internationalem Freibierkontest. Aphrodite ist vom Olymp herabgestiegen und beschüttet sich mit uns mit Gerstensaft. Hauptsache Chef hat Spass, dann läuft der Rest wie von selbst. Erst als wir seinen Schutz verlieren, werden wir in unserer Therapie der als DieJ Ruthloss in weltliche Erscheinung getretenen Aphrodite auf der Hochterasse gestört. Woraufhin die Gnadenlose in tiefe Bewusstlosigkeit fällt. Die Welt hat aufgehört, sich unter ihr zu bewegen, und sie sich auf ihr. Unsere verzweifelten Versuche, im nächstgelegenen Bauwagen die gesunkene Göttin mit genügend Promille wieder auf die Beine zu bringen, scheitern. Zum Glück haben wir Traumaspezialist Rolef an Bord des Bauwagens, der mit einem magischen Nektar aus den tiefen Tälern Österreichs tiefenbehandelt, mit dem man auch die dünne Luft in der Bauwagenhöhle besser erträgt. Es soll Menschen geben, die Kochrezepte vertonen, aber die Göttin der Skrupel- und Gnadenlosigkeit, deren Skrupel selbst in Nußschnaps sich nicht lösen. Beim zweisamen Ablaufen der Versorgungslinien schließlich nimmt sie meine Hand und nur mit letzten Kräften kann ich mich und die Biervorräte in die sicheren Gefilde des Bauwagens retten. Nur zu gut erinnere ich mich an ihre Verwandten Kronos und Uranos deren Gemächt es nicht gut erging. Aber der Götterhimmel krampft; insbesondere unsere Schaumgeborene. Die Wiederbetankung gerät ins Stocken. Selbst bei der Pool-Party-Einlage bekommt sie ihren Bikini nicht ab. Die Kleidung klebt an ihr wie feuchter Pizzateig. Letztendlich muss auch ich einsehen, dass Widerstand zwecklos ist. Die Göttin im Bauwagen ist ein schlafender Borg. Krug bei Fuß steh ich zur Seit,
denn Weiß-Blau ist der Götterhimmel, doch sie sinkt danieder, ein zweites Mal an diesem Feiertag, diesmal aus Schaum und nicht aus Scham, rollt sich ein, um mich und ich, erstarre erneut von Amors Pfeil ins dritte Auge getroffen. Ich, Rolef Polypos, der Zweiäugige, mit meinem Kampfgenossen und zwei Unsterblichen, davon Aphrodite mir ums Bein gewickelt. Morpheus schenkt mir noch ein letztes Gläschen ein und alles was mir bleibt, ist der leichte Druck ihrer zarten Hände.
Begleitet von Sphärenmusik sind sie bereits als Gewinnerinnen des Freibierkontests zum Olymp aufgefahren, und ich auf ewig gefangen in einer schalen Zwischenwelt, die vom Apfel kurz kosten durfte.
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Sonntag, 23. Juni 2013
Im roten Dirndl nach Feuerland
- eine imaginäre Reise durch die Fjorde des negativen Horzionts

"Der Mann ist Passagier der Frau, nicht nur bei der Geburt, sondern auch bei ihren sexuellen Beziehungen, ... In diesem Sinne ist die Frau das erste Transportmittel der Gattung, ihr allererstes Vehikel, das zweite wäre das Reittier, ... Von der Jagd auf das Tier zur unmittelbaren Nahrungsbeschaffung geht man zur Jagd auf die Frau in Erwartung der Jagd auf den Mann über."(* S.29)

Wir aber fahren nicht in den Krieg, sondern nach Feuerland, und essen blutige Steaks. Eine Reise in Rot, von Kopf bis Fuß.

"Es liegt nahe, drei Paare zu unterscheiden, wobei das dritte selten Erwähnung findet:
- das homosexuelle Paar des Duells;
- das heterosexuelle Paar der Ehe;
- das transsexuelle Paar der Reise."(* S.49-50)

"Kurzum, das Verlangen des Passagiers nach Verpaarung mit seinem Reittier ist mit dem Übergangsritus der Heirat vergleichbar; ... Die Frau kommt von anderswoher, sie wird entführt, wobei zuweilen der tierische Vektor als Mittel solcher Übereignung dient; im alten China beispielsweise stellte der Transport der Verlobten im rituellen Wagen juristisch gesehen den eigentlichen Heiratsakt dar, was ein Hinweis darauf ist, in welchem Maße Reise und Hochzeit zusammengehören, als ob eine exogame Heirat lediglich Emblem einer gemeinsamen Reise von Fremden wäre."(* S.48)

An einer engen Biegung des Fjords erwischt Dich mein Seitenarm an der Mündung. Wir genießen die Stille in der Fahrgastzelle. In meiner blinden Phantasie sehe ich wie Du das Auto wild peitschend weitertreibst, spüre wie der Motorblock unter mir jegliche Hemmung verliert und der schreckhafte Horizont erneut in die Ferne flüchtet. Mit Vollgas auf den Wellenkämmen nach Feuerland.

"Im Führerstand ist unmittelbare Nähe ziemlich belanglos; es zählt einzig und allein, was in der Ferne liegt; im Verlauf der Reise wird die Vorwärtsbewegung von dem gesteuert, was vorne befindlich ist, wobei die Antriebsgeschwindigkeit ihren eigenen Horizont erzeugt; Je höher sie ist, desto ferner ist der Horizont."(* S.141)

Doch weil federleicht an Bord der Fähre wir nur schweben, legt das lila Blau der Kornblumen am Wegesrand sich über uns. Um den zarten Finger den Gummiring der ersten Nacht , über den wie Blütenblätter die Strahlen der Abendsonne Dir auf die Schenkel fallen. Die engen Ufer weiten sich zu breiten fruchtbaren Äckern und grünen Wiesen. Eine Autofahrt durch das Fjordland hat ihren Reiz. Atemberaubend: der Blick zurück ins tiefe Fjordtal.


* aus: Paul Virilio - Der negative Horziont Bewegung/Geschwindigkeit/Beschleunigung, 1989, Edition Akzente, Carl Hanser Verlag
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Dienstag, 18. Juni 2013
Menopause der Liebe
... wenn die Liebe nicht mehr blutet

Wie sehr hing ich an Deiner Seite und wie einseitig hast Du mich gesehen, wie hilflos waren Deine Drohungen und lehrreich ihre Folgen, wie sehr haben wir uns geliebt und wie selten hat es gestimmt. Du warst die Frau und der Mann für (m)ein Nachtleben, da die Augen schon leicht verwittert vom Tag. Augenblicke im Flimmerlicht. Und jede Nacht fiel ein weiterer welker Stern vom Himmel, bis wir uns nur noch in den schattigen Momenten trafen. Unsere Liebe, eine Liebe, deren Hauptattraktion ihr Bestehen war und letztendlich unweigerlich deren Bestandslosigkeit. Ein Stückchen Pustekuchen mit Sahne bei Gewitter.

In bodenlosen Räumen,
Gabst Du ihm Dein feuchtes Bäuchlein,
Schweißbedeckt und rußbenetzt.

In keuchenden Hallen,
Gabst Du ihm Dein seidenes Füßchen,
prall und unbefleckt.

Gabst ihm all Dein Leid,
Zöpfe, Würmer, Früchte,
In Kammern und Gemächern.

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