Sonntag, 19. Juli 2020
Ein Steinboot fährt spazieren
Urlaub mit den Kindern mitten in der Natur. Das ist es, was das Leben ausmacht.

Wenn die Kinder schon vor dem Hahn krähen, realisiert man, dass Kinder eben auch ein Teil der Natur sind.

Der Holzwurm mit seinen subtilen Knabbergeräuschen wirkt geradezu einschläfernd nach dem allabendlichen Gezanke und Geschrei. Endlich das Zirpen der Grillen und das Rauschen des Baches.

Oder sind sie nochmal heimlich aus den Betten gehuscht und simulieren den Bergbach im Bad?

Sind es die letzten Mond- oder die ersten Sonnenstrahlen, während der Hahn und man selbst noch dämmert? Eine Seelenruhe, die ein latentes Geräusch im Hintergrund offenbart. Ein Schleifen, ein Kratzen, links hinten. Und es dauert nicht lange, bis klar wird: ein Steinboot fährt spazieren.

Es ist die gestern am Fluss erbeutete Schieferplatte, die mit der rauhen Oberfläche über Holz gleitet. Die Schieferplatte und - man darf bei letzterem fast von einem glücklichem Zufall sprechen, dass es sich nicht um Granit handelt - die anderen Sandsteinplatten. Das historische Interesse der Kinder ist nur halb erbaulich, während sie frühmorgens die Seeschlacht von Salamis auf dem Kirschholzfurnier des Wohnzimmertisches nachstellen.

Die Natur ist grausam. Ein Kommen und Gehen.

Fressen

und gefressen werden.

Ein Entstehen

und vergehen.

Beides in sich wunderschön.

Letzteres besonders, wenn es einen nicht selbst trifft.

ADHS, das kannte man in meiner Jugend vermutlich deshalb nicht, weil wir einen Großteil unserer Zeit ganz ohne Aufsicht gespielt und gestritten haben, weil wir nicht von Habichtsaugen bewacht

von Bäumen und in Brennesseln gefallen, in Bienen auf Dächer gestiegen sind. Unsere Schandtaten blieben unentdeckt und somit ungesühnt. Als Aufmerksamkeitsdefizit habe ich es nie empfunden. Und das Leben ohne Erwachsene war stets hyper. Hypo wurde es erst bei den Hausaufgaben und beim Abendesssen.

Trotzdem hat sich die Sorge auch in mein Gehirn gezeckt und mich kann nur die statistische Herangehensweise ein wenig beruhigen. Wieviele Kindern sind denn hier schon in den Fluss

oder von Nachbars Blechdach gefallen? Wieviele wurden von den allgegenwärtigen Hornvipern gebissen? Keines.
Dafür können die Älteren bereits Fische mit der Hand fangen, wissen dass der Traktor immer bergab fällt und auch rückwärts fährt,

und halten sich von den Löchern in den Natursteinmauern - den Kleinen kann man das gut mit Drachen erklären

- und Holzmaschinen fern.

Und ich habe gelernt, dass ein Holzwurm garnicht so alt wird, dass er dem Balken wirklichen Schaden zufügen kann. Ich lebe mehr im Einklang, seit ich die Hälfte der Ernte der Marillen den Siebenschläfern,

die Hälfte der Johannisbeeren den Vögeln und die Hälfte des Salates den Schnecken zugestehe.

Nur die Mäuse werden niemals die Hälfte meiner Küchenvorräte bekommen. Niemals!

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Montag, 21. Januar 2019
Ab in die Felsspalte
Hätte ich mein kleines schäbiges Kabuff nicht bereits vorsorglich nikotiongelb gestrichen, könnte man leicht erkennen, wie die Zeit vergilbt. So aber fühlt sich mein Leben an wie am ersten Tag.
Frühmorgens die Geburtswehen und dann das traumatische Austreten aus dem Uterus des Morpheus. Glücklicherweise folgt wenige Schockminuten später schon der mütterliche Kuß von Espresso und ner Kippe, der mich einigermaßen satisfiziert in den Horror grauer Wintertage hinüberbegleitet.
Ohne einen Blick aufs Thermometer erkenne ich am feuchten Rauschen der Winterreifen auf der Hauptstraße, daß einem heute nicht die sibirische Kälte die letzten Lungenfetzen aus der Brust reißt. Dafür wird es für die Gelenke um so naßkälter werden.

Heute gibt es Weltrettung in einem Aufwasch. Ich verlasse den mit Stadtratten gefüllten Geldsack. Mein Gemüt, schon ganz aufgehellt, scheint bereits die Wetterscheide Richtung Süden überquert zu haben. Jetzt muss ich meinen Körper nur noch hinterherbugsieren. Ab in die Felsspalte ...
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Donnerstag, 22. November 2018
Besinnliche Abende unter der Lawine
Herrje, ich habs mal nachgelesen, wie verträumt und sprachlich gewandt sich der Strom der Worte in früheren Blogjahren noch bewegen durfte.
Jetzt nur noch starre Gedankenblöcke, die ich hier abzuladen dankbar sein darf. Die lange Nacht des Kuhstalls, auf die wir ja gerade wieder zusteuern, was für ein schöner Titel. Weil ich mir die Geschenke dieser Tage ja selbst ausdenken muss und nicht mehr auf die Mithilfe des Christkinds zählen darf, muss ich mich mit Dingen wie Dreh-, Wechsel-, Stark- und Anlaufstrom herumschlagen. Hierbei möchte ich Ihnen den Begriff des Wirbelstroms nicht vorenthalten, der noch einen Hauch von Magie in sich trägt.Ich geh mal raus in die Zeit, schlag die aktuellen Sozialmedien zu und les mir nen Ast, über Stromarten, Holzbrennwerte, über alles eben, was man in einem verlassenem Tal zum zeitgemäßen Überleben so benötigt.

Ob es öde ist in dieser Abgeschiedenheit? Nicht im geringsten. Und besonders nicht, wenn man eingeschneit wird und die Strasse nicht passierbar durch vom Schneebruch entwurzelte Bäume. Die ersten Tage ist es ruhig und man schürt gemütlich den Holzofen, doch dann wird das Benzin knapp für den Generator und die Mobilfunkmasten senden kein Signal mehr. Im Funkloch weiß keiner, wann der Schneefall nachläßt. Wenn man von Schnee zugeschüttet wird, fängt das Gehirn erst an zu arbeiten, das sich sonst unter all dem aus latest news und Konsumgier fast schon aufs Sterben vorbereitet. Man bleibt erheblich gelassener, wenn man bei der Essensversorgung vorgeplant hat und die Wasserleitung nicht einfriert, weil irgendein Oberschlauer das laufende Wasser am Dorfbrunnen abgedreht hat. Termine sind dann natürlich auch nicht so günstig. Und sehr zu vermeiden, sind schwerere Unfälle oder ein schwerer Hexenschuss. Aber langweilig wird es nicht.

Wenn dann alles wieder vorbei ist, sieht es aus, als wäre nichts gewesen, und das Brennholz liegt abholbereit am Straßenrand.
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Montag, 19. März 2018
Die Endlösung der Mäusefrage
Irgendwie hat sich bei mir eine ganze Generation Ritterwanzen breit gemacht. Das bringt wohl das viele Holz rund ums Haus mit sich. Auch ein gutes Versteck für die diesjährige Mäuseplage, die wir glücklicherweise während ihrer maximalen Ausdehnungsphase mit der Luftpistole schon erheblich reduzieren konnten. Die Restbestände muss ich, da der hiesige Supermarkt seltsamerweise keinen Mäusekleber führt, mit den herkömmlichen Mäusefallen bekämpfen, die ich tagtäglich strategisch neu positioniere, um ihre Laufwege zu einem Höllentrip zu machen.

Mit der Endlösung der Mäusefrage ist es also nicht mehr weit her. Damit gibts dann im Sommer auch weniger Futter für die Vipern. Also insgesamt eine sehr vielversprechende Feierabendbeschäftigung.

Tagsüber treibt uns der abnehmende Mond zwangsläufig in den Wald. Wobei man vor lauter Windbruch kaum zum Fällen kommt.

Mit Körper und Seele ganz beim Holzmachen vergisst man dann letztlich komplett das Heizen. Im Grunde ist es wie beim Geldmachen, wo man keine Zeit mehr findet, es auszugeben und letztendlich als Millionär endet. Ich denke, so entstehen Dynastien. In meinem Fall mit krummen Rücken und Pranken wie eine Spaltaxt. Es würde mich nicht wundern, wenn meine Kinder in Keilform zu Welt kämen.

Um mit der Natur zu leben, ist es in unseren Breiten angebracht, das Arrangement so zu treffen, dass das Entscheidungsmoment auf der eigenen Seite liegt. Will heissen, dass man besser von der Natur lebt als für sie. Wie ein bekannter Philosoph einst weise schrieb: Life is hard in the mountains. Es ist besser das Iglo selbst zu bauen, als dies der Lawine zu überlassen. Und Menschen, die nach üblichem Sprachgebrauch im Wald leben, leben zumeist auf Lichtungen, da unser Melaningehalt trotz der bleichen Haut ein Leben in totaler Dunkelheit mit Depression und Trunksucht straft.
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Dienstag, 6. März 2018
Im Königreich der Motorsäge
Da meint man, man kenne ja schon alles aus der Glotze, aber wenn einem dann die fette Motorsäge samt 35-Meter Buche abgeht in den Abgrund und 7 Tonnen Lebendholz aus besagten 35 Metern abrauschen, dann fühlt sich das irgendwie neu an. Noch ganz unerlebt.

Unten rauscht der Bach und unerwarteterweise auch noch die Motorsäge. Bschschsch und glücklicherweise eben auch noch Brrrrrbrrrr.

Knisternd auf dem winterlichen Laub hinterher gerutscht fühle ich mich am Rande des Bachbettes in einen Märchenfilm verstetzt. Das Schwert des Stihl steckt in der heiligen, kältischen Buche wie Excalibur.

Zwar verbogen, aber so fest, dass es kein Sterblicher mehr dem Holzgott entreissen könnte.

Das Bächlein plätschert so unschuldig als wäre es nicht Teil der unerbittlichen Natur, die stets versucht, dich mit Schnee- und Schlammlawingen vom Planeten zu fegen. Nur ganz fern im Hinterkopf dämmert mir, dass ich mich zu aller Unfreude auch noch in der Todeszone bewege. Über mir schwingen vom Fall berauscht die labilen Baumkronen mit ihren abgebrochenen Ästen. 8 Tonnen Buche stehen leicht schräg von ihren Nachbarn vorübergehend noch gestützt.
Die trügerische Ruhe, die einkehrt als ich den Motor abwürge, umhüllt mich als wäre ich mit den paar Metern Höhenunterschied in meine von Magie beherrschte Kindheit zurückgerutscht.

Ich kann sie sehen, die Wassergeister, die auf dem wirbelndem Wasser tanzen. Rotkäppchen versteckt sich mit ihrem Korb voller Pilze hinter den dichten Eibe. Aber wer vertraut schon Kindern bei der Pilzsuche.

Wenn ich das Schwert mit einem Ruck herausziehen kann, gehört mir das Königreich samt Prinzessin und Staatsschatz. Andererseits übersteigt die Physik von 8 Tonnen bewegter Buche die Mathematik- und Physikkenntnisse des einfachen Mannes. Um an meine Tasche mit den Keilen und dem Sapi zu gelangen, die noch oben neben der Strasse liegen, müsste ich dem Traum entsteigen. Zudem scheint es mir unsicher, ob mir das Königreich dann zufällt, wenn ich zur Entfernung des Schwertes besagte Hilfsmittel verwende.

Bei einer Kindheit wie der meinen, erfüllt von Märchen und Sagen, von Waldspaziergängen und üppigen Abendessen, von bildhübschen Prinzessinen, die man in seinem selbstgebauten Iglo empfängt, will man eigentlich nur erwachsen werden, weil man irgendwie spürt, dass man sich mit dem mageren Taschengeld ein Königreich nie wird leisten können. Doch jetzt liegt es vor mir, so greifbar, keinen Meter entfernt.

Ein leichtes Knacken reisst mich aus meinen Gedanken. Es ist nicht Fuchs noch Reh, sondern Gehölz im Kronenbereich, das so unwirklich langsam in Bewegung gerät, dass ich erst nicht recht verstehe, was vor sich geht, bis jene 8 Tonnen auf dem Waldboden aufschlagen.

Die Motorsäge in ihrem unnatürlichem Orange liegt weitgehend unverletzt neben mir wie ein geplatzer Traum und das Königreich hat sich erledigt. Statt einem Leben als König gebe ich mich noch immer schwitzend, aber dann doch erleichtert mit 8 Tonnen Brennholz zufrieden.

Im Grunde war die Wahl zwischen 35 Metern Holz und einer Kunigunde oder Adelheid garnicht so schwer. Und so lebte ich glücklich bis in alle Ewigkeit, die bei Holzofenbesitzern genau bis zum übernächsten Winter dauert.

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Dienstag, 13. Dezember 2016
Es geht so ...
waren seine letzten Worte.

Selbst im Land der Lurche ist nichts für die Ewigkeit gemacht. Leben und leben lassen, heißt es allerorts. Nur scheinbar nicht hier.

Das Projekt der Dezivilisierung hat scheinbar Fahrt aufgenommen und hinterlässt seine Opfer an allen Ecken und Enden.

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Donnerstag, 19. März 2015
Die Bachfäule
Ich laufe, wie auch zufällig der Gebirgsbach, bergab und denk mir: Na, du bist mir ja einer, immer nur bergab, du fauler Bach. So auch der Regen, immer nur abwärts, talwärts, immer nur bergab. Und wer solls richten? Die Wolken und ihr Gesums? Mit Kübeln wird dich keiner rauftragen, mein Bächlein, das du so plätscherst. Das is mal ne arrogante Einstellung. Ich fliese über Stock und Stein hinein ins Meer. Der Rest geht mir am Arschwasser vorbei. Pfui.

Ich wünsch dir, dass du es nicht schaffst, sondern vorab im Grundwasser versickerst, im Moor versandest. Ich bin ab heute für Staudämme, die dich zum See machen, ehe wir dich in der Turbine zerhäckseln. Ein See hat Anstand, er bleibt da wie ein treuer Freund, der dich durch die Zeit begleitet und nicht nur, wenn man wie ich zufällig dem Bachlauf folgt.

Ein Bächlein im Walde ist in aller Munde, von Wolken spricht man freudlos, weil sie den Regen bringen. Selbst er wird gut geredet. Ohne ihn gäbe es keine Pflanzen und keine Regenmäntel. Nur der Verdunstung wird nicht geschuldet, was ihr gebührt. Ich vermute, weil man sie nicht sieht und der Mensch an Sinnesmangel leidet. Oh Verdunstung, du sanfte Fee, die du dein Tagwerk auch nachts verrichtest. Dir hat kein Dichter seinen Odem je gewidmet. Das was man sieht, wenn Nudelsuppe gerade anbrennt, Hansdampf. Luftfeuchtigkeit im erweiterten Sinne. Schwitzen, das ist ordentlich, nur herabrinnen darf es nicht, sondern verdampfen, wie nasse Socken auf der Sommerterasse.

Bächlein, Bächlein, dir kauf ich nicht nur den Schneid ab, sondern ich schneid dir auch den Mäander ab und schick dich wieder zurück. Bergauf sollst du kriechen unter Glucksen, dass dir das Plätschern vergeht. Aus eigener Wasserkraft sollst du dich wieder hochschleppen bis mindestens an die Quelle. Aquakinese. Das verstehen wir Menschen unter Recycling. Mal selber wieder richten, was man angerichtet hat. Wir, die wir so blöd geworden sind in den Jahrmillionen, dass wir unsere eigene Grundlage vernichten, wir nehmen uns ein Herz, denn Hirn kann ja nicht da sein, und machen alles wieder sauber. Mit genau den Mitteln, mit denen es wir kapput gemacht haben. Da nimm dir mal ein Beispiel dran, Bächlein.
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Samstag, 24. Januar 2015
Die Degenerationsfrage
Ist schon ein emotionaler Unterschied, ob der Regen auf stupiden Asphalt fällt oder sich Schneisen durch den Wald bricht, ob es einem dumpf auf die Schädeldecke prasselt oder rund um einen die Hölle losbricht, halbe Berghänge abwärts wandern. Dafür sollte man dem Planeten persönlich dankbar sein, dass er alleine alles wieder nach oben bringt.
Es schüttet als ließe jemand das Wasser ein in diesem Tal. Bäche ergießen sich durch die engen Gassen. Wir sind zur Flusslandschaft mutiert.Und mit der Bodenerosion verschwindet auch der ganze Restmüll, der sich in italienischen Dörfern wie von selbst einnistet.

Schlechtes Wetter ist in der Stadt, wo Stahlgürtelreifen sich durch Pfützen schieben und den menschlichen Wildwechsel vor sich hertreiben, noch schlechter als auf den Gipfeln oder in den Tälern, wo sich das Wasser ganz von selbst bewegt.

Scheinbar gefällt es aber vielen unter solchen Umständen zu hausen.


Die Wohneinheiten hochgezogen wie Supermarktregale und jede Freifläche zum schönen Schein von Spielplätzen geradezu überwuchert. Wo früher noch Bäume ihr Dasein fristen durften, stehen nun Klettergerüste und so ist selbst der Spielraum durcharchitekturisiert und jeglichen Erholungswertes beraubt. Man frägt sich, zumindest ich, in welche Nische hier eine Änderungsschneiderei sich überhaupt noch reinzwängen könnte. Stahl, Glas und Hartplastik von der Kindheit bis ins hohe Alter. Statt des Tante Emma Ladens nun drei Supermärkte, die alle die gleichen Produkte hervorbringen. Statt des regionalen Bäckers, der noch selbst bäckt, drei Bäckereien, die alle die gleichen Semmeln und Kuchen vom Großhändler beziehen. Und was man sonst noch so braucht, kann man auch schnell mal im Internet bestellen.



Da Kinder nicht blöde sind und das Strafmaß heutzutage auf ein Minimum reduziert, machen sie es wie die faulen Erwachsenen. Sie machen gerne mal mit, aber picken sich eben nur die Rosinen raus. Pflanzen abschneiden ja, aber zusammenrechen, nein. Holzhacken ja, aber Holscheite tragen und schlichten, nein.

Ein Leben zwischen Wäldern und Bergen, zwischen Holz und Stein, da spielt das Öl eigentlich keine Rolle. Außer natürlich bei den unersetzlichen Cubettis, den Feueranzündern; denn wer benutzt dieser Tage noch Reisig. Selbst in der urtümlichen Welt des Bergtäler ist also Handarbeit aus der Mode gekommen, dass uns rein evolutionär vermutlich bald die Arme abfallen.

Und alle findens toll.
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Mittwoch, 11. September 2013
Rocking Stone
... wo Fehlzündungen noch zum guten Ton gehören

Möchte man meinen, dass in abgelegenen Bergtälern das Leben nicht so hinfindet. Das täuscht, da auch das Wetter und der Steuerbescheid überall hinfinden. So eben auch in meine geliebte Felsspalte.
Zu Sommerende sind es rund 300 Rocker, die sich auf den Weg machen, um hier mit der lieblichen Natur wettzueifern. Ein Rockerfest mit allem was dazugehört. Eben Maschinen, Kutten, Bier und Mucke bis zum Abwinken.

Unter dem Brummen der Zylinder wummert selbst das Erdreich wie bei einem Erdbeben, was das Sexualleben bei Würmern, Maulwürfen und Wühlmäusen an diesem Tag komplett lahmlegt. Selbst die Hornviper, die sich Dank ihres abschreckenden Rufs als letztes verkriechen will, wird schon am frühen Abend vom Breitreifen überrollt.

Wo sonst 364 Tage im Jahr die Grillen um die Wette zirpen, haben diese und andere heute alle zumindest akkustisch verloren. Das Käuzchen findet mit seinem sanftem huhu, huhu heute keine Partnerin. Heute zirpt, huht und quakt das Tierreich vergeblich und sinnlos in die Weite des Tals. Heute müssen im Lärm alle alleine leben, zumindest das sich nachts findende Tier. Denn Rockerbrut und Bräute finden sich auch und besonders bei diesen Anlässen. Die Kutten bieten ausreichend Laschen und Taschen, um sich einzuhaken bei der schweren Beute, die später beide zum Opferaltar dieser Nacht, einer Thermarest-Matte, schleppen wird.

Ein Meer von Schall, ein Bikertsunami, eine akkustische Flutwelle rollt durch das Tal wie die Horden der Mongolen, oder wie um 1940 in diesem Teil der Erde, der Kosaken. Wenn ich die Brille abnehme hören sich die rasselnden Motoren wie trampelnde Hufe an und sehen die Kuttenträger aus wie moderne Ritter, mit Benzin statt Hafer, Stahl statt Eisen und Kunstleder statt Gegerbtem.

Man trinkt sich ein und bestaunt, was sich an motorisierten Einzigartigkeiten so eingefunden hat. Gesichter aus einem Dutzend Länder, Altbekannte und Neugierige. Das Schlachross des Stalls, Harley-Chassis plattgefedert mit einem Norton-Flathead-Motor. Wenn ich das richtig verstanden hab.

Und weil Burn-Out eben Programm ist, auch dafür eine passende Maschine.

Was hier ausbrennt sind Motoren und Reifen, aber keine Seelen. Hier wird ganz gesund mal richtig durchgeblasen. Man pumpt sich voll mit Gerstensaft und anderen aromatischen Gewürzen, glotzt auf die Band und später, weil auch der Blick schwer wird, auf den Arsch, in Land für einen Abend, wo Fehlzündungen noch zum guten Ton gehören.

Die zweizylinder Dieselmaschine Marke Eigenbau gibt dann auch einen schönen Vordergrund für das Schlussfoto vom Höhepunkt der reizenden Veranstaltung, der Tanzeinlage.

Statt Highway to hell eben Kiesweg to Rocker'S heaven. Und zwei drei Tage später klappts dann auch bei den Würmern und Käuzchen wieder.
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Dienstag, 2. Juli 2013
Alle Wege führen nach Uscita
Viele Lieben beginnen mit einer Tunneleinfahrt. Begleitet von magnetischen Lichtstreifen, manchmal auch unbeleuchtet, rast der Personenraum entlang der monologen Strecke im festen Glauben an das Licht am Ende des Tunnels. Doch nicht selten handelt es sich hierbei um die Höhle eines Raubtiers, an dessen hinterster Wand die Liebe zerschellt.

Ich aber muss mich Hundeflöhen trösten. Bepfotet und bekrallt werde ich von einer versotteten, räudigen Hundeliebe. Rundum Orgie. Käfer, Fliegen, Eidechsen, Schmetterlinge sich begattend als wäre es der letzte Tag. Das Vögeln in der Luft und der dunkle Sex der Regenwürmer. Allen sei es gegönnt, ausser den Plagegeistern in meinem Dach, die aus Liebe zu Höhlen die Stollen immer weiter in meine Isolierung treiben.

Keine Schockmenstruation, sondern das falsche Kaliber
Fünf Minuten nur möcht ich mit Dir in einem Meer aus Küssen schwimmen, möcht ich mit Dir im Gliedergerenk versinken.

Wie ein rohes Ei will ich Dich behandeln. Deine Schale knacken, in siedendes Öl Dich werfen, mit Gewürzen bewerfen und bestreuen, Dich wenden und schaben und letztendlich verzehren. Am Eigelb lecken und Eiweiß schlabbern. Dich m-Ei-n.

Nur ich darbe in unseliger Singularität - besprungen und bestiegen zwar von Heuschrecken und Ameisen, doch in einer unschmeichelhaften Art und Weise.

Seien wir uns doch ehrlich: der Sex ist eigentlich nur das Vorpiel zur Fütterung, der erste Gang des unbezahlbaren Gelages, das, weil so zeitintensiv, nicht unbedingt kostengünstig ist, das zwischen dem Füttern und Hegen, zwischen pflegen und betüteln nur wenig Zeit für Zärtlichkeit lässt. In der Höhle des Raubtiers wird vorwiegend gefressen und gestorben, und nicht gefickt.
So ist es kein Fehler, sich frühzeitig mit Begrifflichkeiten wie Einfahrt und Ausfahrt, Vorfahrt und Vorsicht, mit 'auf Glück' und 'Glück auf' vertraut zu machen. Denn die Naschereien der Liebe sind kein Zuckerschlecken.
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