lost paradise aka. Der Neuronenverfall
Für den Euro symptomatisch fällt auch für die, die ihn benutzen, die Diagnose wie folgt aus: ICD F40 ff. Von der Gürtelrose bis zum kreisrunden Haarausfall folgt der Autoaggression der Jahrtausendwende nun der totale Zusammenbruch. Depression ist eh gut im Winter, weil man nix versäumt und andere am Skilift nicht so lange anstehen müssen. Paßt das Wetter dann wenigstens zum Gefühl. Und das Erschöpfungssyndrom scheint mir die evolutionäre Immunreaktion auf einen Zustand zu sein, dem ich hier keinen Namen geben möchte (siehe lost paradise). Weil man aber nicht alleine trinken soll, weinen wir im Grunde gemeinsam.

Ich nehme eigentlich nur noch Flüssigkeit zu mir, um den Tränenkanal schön feucht zu halten. Wie erfrischend und erleichternd muss für Wasserköpfe erst das Weinen sein. Dein goldenes Haar Sulamith hängt mir zum Hals raus und als wär ich der einzige Erbe der Kriegsgräber, kotz ich mir die Seele aus dem Körper - eigentlich den Körper aus der Seele. Ich kann garnicht soviel saufen wie ich weinen muss. Aus meinen Augenwinkeln quillt inzwischen Schaum. Und zu späterer Stunde muss ich darauf achten, daß es sich beim Rauchen nicht entzündet.



Die Hoffnung fahren lassen

weit ins Niemandsland hinein,
hoch auf dem goldenen Wagen,
unter dem Joch hindurch.

Mögest du segeln, du Hoffnung,
auf unbekannte Gewässer, bei vollem Wind.
Und mit dir die Zukunft am Ruder.



Die Hoffnung und ihr Rest, als Ausgeburt der Affektlabilität (ein bißchen hin und her und dann doch weg), als Gefühlsinkontinenz, als eruptive Erscheinung des Unerfüllten.
Wer will sie den haben, die Hoffnung, wer will sich mit dem Nichts denn nicht abfinden, sondern klammert sich mit den Nägeln ins eigene Fleisch, nur um selbst keinen Kratzer abzubekommen. Kein anderer als der Hoffende.



Möge auch er die Segel setzen und die Ruder schlagen auf dem Boot das hinausfährt. Es wird eine ruppige Fahrt, Kamerad, der du dich an der Reeling vergreifst, klammere dich an die Hoffnung, denn die stirbt zuletzt.


tomkin am 20.Nov 11  |  Permalink
Die Zukunft kommt ganz von allein. Die Hoffnung ist die ultima ratio, sich damit abzufinden.

einemaria am 20.Nov 11  |  Permalink
la prima ratio schlägt wieder zu
Die prima ratio in der prima linea. Frontschweine - mit der Moral an der Flöte schreitet das Schwadron. Das Sparta der Gehirnregion gewinnt an Boden, Schritt für Schritt, Mann oh Mann.
Mit dem Rasiermesser in Händen bahnt sich die prima ratio ihren Weg. Wenn der Wagen der ratio erstmal rollt, dann ist sie nicht mehr zu bremsen, die Juggernaut. Grenze hin oder her? Definieren bedeutet Krieg, neue Grenzen. Im Sinne der prima ratio immer hin, nie her.
Ich unterstelle ihr eine berufsbedingte Gefühlsblindheit, dieser ersten Vernunft, vielleicht auch dem einfachstem Weg. Es ist wie es ist - so die ratio - aber es könnte, wenn es wollte - so die Hoffnung. Ich zweifle ein wenig an einer sich selbst erfindenden Zukunft und habe da eine Idee: die Fabula rasa, der leere Text - bisher bekannt unter unbekannt.txt.
Schön Sie an meiner Seite stehend zu wissen in den Abendstunden hier am Hafen der Zeit. Auf Sie, mein Tässchen Kaffee, in Erwartung der Ankunft der Zukunft.

tomkin am 20.Nov 11  |  Permalink
Oh ja, die prima ratio säuselt uns ins Ohr: "Gestalte! Gib dem Unbekannten einen Namen. Pflastere die Straße in die Zukunft mit deiner Kreativität." Und gerade deshalb einen Toast auf die Hoffnung. Möge sie den Hammer führen, der die Pflastersteine meißelt. Nach dem Abend kommt der Morgen. Prost.

anni1 am 21.Nov 11  |  Permalink
Autoaggression der Jahrtausendwende?
Ich sah da eher eine Aggression die sich vor Ungeduld kaum zügeln konnte.

einemaria am 21.Nov 11  |  Permalink
... ein zweifelsfreier Einwand. Wie kann ich mich da nur rauswinden? Vielleicht Auto-aggressiv wegen der Abwrackprämie?! Ne, die war auch später. Hm, ...

einemaria am 21.Nov 11  |  Permalink
Sagen wir, die Autoaggression als selbstschädigendes Moment dieser Zeit, im Gegensatz zum jetzigen Burn-Out. Daß sich das Bore-Out während der Kohlperiode nicht vollends durchsetzen konnte, ist mir schleierhaft.

einemaria am 21.Nov 11  |  Permalink
@tomkin: ob die Hoffnung in ihrer Trägheit wirklich fähig ist, mehr als einen Pflasterstein zu meißeln? Ich weiß nicht.

tomkin am 21.Nov 11  |  Permalink
Na sie ist ja auch die ultima ratio. Für die Massenproduktion ist die prima ratio zuständig :-).

dhonau am 21.Nov 11  |  Permalink
dhonau ...
vermerkt sachlich: starker text!

hoffnung stirbt nicht zuletzt, wenn du (oder deine nachbarn) dich an sie KLAMMERST (~N), sondern womöglich zuerst. — einschwingen, mitgehen, impulse aufnehmen, längeren atem bekommen, spüren, woher der wind weht, nicht das schlaffe fähnchen reinhängen, sich selber ein wenig die brise um die ohren wehen lassen etc.

verben mehr dieser art, yes!

einemaria am 21.Nov 11  |  Permalink
Yes,
natürlich Yes! Wie Augen von den Schuppen, die da nicht sein sollten, nicht fällt, sondern flattert die Kraft durch ... Verben. ... Na meinetwegen, dann eben Verben ... die schüren, die das Feuer anheizen, die Kraft und Wärme, die nach oben will, denn über den Wolken sagt man, ... ich vermeide, das Hoch-und-Tief-Gefüge nicht mit einem perventingeschwängertem Saint-Euxpery zu schmücken, sondern den YES Men!

Aber, yes yes, irgendwo hin soll es schon gehen mit dem Fähnlein Fieselschweif, das so ohne Angriffspunkt dahinduracellt im Auge des Orkans. Da haben Sie mehr Recht als Glück, daß es die Hoffnung nicht ist. Und die Reeling wird es wohl auch nicht sein.

Es ist der fest Gripp der Stiefel der Nachhut, die wir kommen hören. Die zweite Welle der Bodentruppen der hartenlinie stehen am Start.

Ich vermelde: Das soeben durchgeführte Manöver firmiert unter dem, nun nicht mehr, Dechnamen "Totstellreflex des Okapi" - der Feind fühlt sich sicher und nähert sich, vom scheinbaren Sieg die Sinne getrübt. Vielleicht haben Sie das an den ausgiebigen Kommentaren bemerkt. Ein totes Okapi ist heute viel mehr wert als ein lebendiges - medial gesprochen - und geringer in den Haltungskosten. Das ist erschütternd.

Ich hör sie rollen die Ketten, während wir wehmütig in unseren Kesseln über den offenen Feuern im Lager rühren. Doch dahinter liegt ein noch tieferes Grollen, ein Dammbruch, der sich alsbald über das Trübsaal legen wird, wie ein Täter über sein Opfer sich stellt, die Waffe am Abzug, die Hand in der Hose, der sprachlich schon so verbrauchte: Afterburner. Punk never dies :)

lalol am 29.Dez 11  |  Permalink
Traumtanz
des Tanzens müde,
lege ich mich auf die Erde
und schlafe auf einem Stern.

Zauberhafte Zeit zwischen den Jahren
wünscht lalol