Dienstag, 20. November 2018
Fakir Nius - ein Leben gegen den Tag, auf dem Nagelbrett
Bing bing bing bing 08:05:03 bing bing bing schon wieder livestream. Wachsein ist nicht für jeden was Tolles. Zum Glück geht das nach gut 16 Stunden wieder vorbei. So muss sich meine Gehirnredaktion anschicken in den wenigen Wachminuten schnell und gezielt auf die veränderte Weltlage zu reagieren. Espresso statt langwieriges Kaffebohnenmahlen, ein Stück Schoko für den Zuckerhaushalt und los gehts - Weltrettung in einem Aufwasch.

Ich freue mich, sollte das Bargeld demnächst abgeschafft werden. Dann würde sich mein jetzt schon prekärer Alltag durch etwas Übergeordnetes erklären lassen. Gong 08:15:01 Imperium & friends schlägt wieder zu, in Hodeidah/Yemen und auf Kashoggi. Weltweit entblöst sich fundamentalistisches und rassisches Gedankengut ... und Round Up von Monsanto bleibt, schließlich haben wir es ja gerade gekauft. Wie lächerlich klein wirkt da ein von Neidern befeuerter Dieselskandal.

Die Uhrzeit stimmt, aber doch nicht das Jahr. Während der paar Stunden Schlaf muss der Planet durch ein Wurmloch zurückgefallen sein, zurück auf ein voriges Jahrhundert, als Völker- und Menschenrechte noch kein Thema waren und Schornsteine noch keine Filter hatten, als man in den Flüssen noch bleichen durfte und Europa von Stieren geraubt wurde.

Wenn man bedenkt, daß Rudolf Diesel pleite war als er sich über die Reling der SS Dresden stürzte oder gestürzt wurde, hätte man den Dieselskandal auch schon vorausahnen können. Benzin hingegen steht für Ortsteile in Wedendorfersee und Kritzow und für eine Oper von Emil Nikolaus von Reznicek, in der besagtes knapp wird für den Zeppelin-Kommandanten Ulysses Eisenhardt. Obwohl mir nicht bekannt ist, mit welchem Treibstoff das Luftschiff des Randolph St. Cosmo in Thomas Pynchons "Against the Day" lief, hätte man mit ein wenig Kombinationsgabe so einiges für den Alltag lernen können: "But the heavens and the earth, which are now, by the same word are kept in store, reserved unto fire AGAINST THE DAY of judgment and perdition of ungodly men."

Die seltsame Prämisse unserer Gesellschaftsordung, das Ewige Wachstum, hat eben einen gravierenden Denkfehler, den wir im Sternbild des Orion, dem großen Verführer, jeden Tag an uns vorüberziehen sehen, der geboren wurde aus einer Kuhhaut auf die die drei höchsten griechischen Götter gepisst hatten, um in Windeseile bis hoch in die Wolken zu wachsen. Als Jäger, der alle wilden Tiere töten wollte, gab ihm glücklicherweise zeitig der Skorpion den Todesstich.

Ewiges Wachstum und die Idee, daß der Bankräuber zumindest einen kleinen Teil zurückgibt, statt ihm alles wieder abzunehmen und ihn einzuknasten. Gnade vor Recht - wie ich vermute wegen der wenigen noch nicht der Automatisierung zum Opfer gefallenen Arbeitsplätze - durch das Bundesamt der Autoproduzenten. Wenn es doch nur nicht diese verfluchte EU gäbe, die sich scheinbar gegen unser wichtigstes nationales Erzeugnis, das Auto, verschworen hat.

Man kann nur hoffen, dass sich aus den Opfern dieses grandiosen Wachstums- und Bereicherungswahns, so sie genug geruht in ihren Gräbern, die fossilen Brennstoffe der Zukunft gewinnen lassen - menschliche Leiber als das Öl unserer Nachfahren. Gegen den Tag und gegen jegliche Vernunft. Zeit daß es Abend wird auf diesem unseligen Planeten und ich mich wieder meinen ganz persönlichen Alpträumen widmen kann. Pfiadi God, scheene Wäid!
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