Donnerstag, 13. September 2012
Der Tod ist eine Endung - Kapitel 1 Absatz 9
Anderntags hat mich das Leben nur zur Hälfte wieder. Einzig das Rascheln der Blätter begleitet meine rasselnde Lunge. Ganz im Gegensatz zum brennenden Buchenholz des Vorabends riecht der heutige Tag nach verschleimten Sinnesorganen. Ein Geschmack, der nicht zum Bild paßt, einem Meer vom Herbst ergriffener Buchenwälder. In ihrer Mitte ein durchsichtiger Fluß, den ich nicht hören kann, vor dem Hintergrund meiner eigenen verrotzten Gehörgänge. Der Tag selbst erlebt einen ähnlichen Temperaturanstieg wie mein Körper. Die neuerdings ozonhaltige Sonne in Mitteleuropa erhellt zumindest nicht meine fiebrigen Gedanken.

Urlaub in Argentinien schlägt mir der Gastgeber dieses Wochenendes vor. Von Nukem war die Rede, von einem modernem Prinzen und einer dritten Kraft. Ich erinnere mich, daß auch die Amerikaner vor Eintritt in den Vietnamkrieg in Bezug auf den gegen die Franzosen gerichteten Bombenanschlag auf dem Saigon Square 1952 von einer solchen dritten Kraft sprachen. Daß Graham Greene die Cao-Dai-Sekte in "The Quiet American" als eine solche beschreibt, bringt mich auf John Foster Dulles, den damaligen amerikansichen Aussenminister. Die Dulles-Brüder, John Foster und Allen Welsh, die wie Kissinger später, in den 50er und 60ern eigenlich in jede schmutzige Aktion verwickelt waren. Namenslisten rattern runter wie Lochstreifen.
Ich bin müde und erschlagen wie noch nie in meiner Laufbahn, als jener Gramsci des gestrigen Abends mir von hinten durchs Haar fährt. "Du bist fertig, mein Lieber. Bleib ein paar Tage und rauch noch das ein oder andere Bier mit uns. Das Leben läßt sich manchmal nicht an einem einzigem Tag entscheiden." Von tief unten, innen, mittendrin erhebt sich ein multiples Körperzellenkonsortium, eine körperliche Rebellion, die sich an die Oberfläche arbeitet. Eine Woge flutet an, nicht karibisch, sondern arktisches Eismeer treibt mir kalten Schweiß durch die seelischen Frontlappen. Ich kotze in einer Art Nervenzusammenbruch aus mir heraus, was sich über Dekaden hineingefressen hat.

Es braucht mehr als zwei Hände, um mich zum Plumpsklo zu schleppen. Die Fliegen verlasssen bei meiner Ankunft dieses in panischer Widerspruchslosigkeit und für die Zeit meiner völligen Entleerung bin ich - und das Plumpsklo - die solipsistische Einheit von Raum und Zeit.

Hechelnd und von Eruptionen getrieben finde ich mich, eine Ewigkeit später in der Ecke des Plumpsklos wieder. Eine natürliche Stille, berahmt durch den Türsturz, nimmt mich in ihre Arme. Und als hätte jemand ein Bilderbuch aufgeschlagen, sehe ich die Welt durch einen rechteckigen Türrahmen, erstmals und doch, als wäre sie nie anders gewesen. Eine saftige Wiese bevölkert von einem Heer von Insekten. Frei von jeglicher Bedrohung sinkt mein erschöpfter Blick in den totalen Frieden.
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