Brettspiel mit Handler
"Noch n Bier?" "Ich würd schon noch eins trinken," ist meine Antwort, obwohl die rethorische Frage eigentlich an den blinden Scheich gerichtet war. Wir spielen Mensch-ärgere-dich nicht bei Ottfrid im Keller. Mir schwant Böses, denn scheinbar bin ich die einzig Unbekannte in dieser muffigen Holzvertäfelung. Der Scheich spielt Grün, der Rebell Blau, ich Gelb.

Mit dem Versprechen auf einen feuchten Keller hatte man mich aus meiner Stammkneipe gelockt, wobei ich mir nicht mehr sicher bin, ob ich da an Unmengen von Alkohol dachte oder an die Unmöglichkeit, dass es in diesem Leben bei mir unterm Rock noch einmal zu Tröpfchenbildung kommt. Obwohl ich weniger als die mir kleinste bekannte Zeiteinheit von 3 Bier am Tresen verbracht hatte, im Grunde also grade reingekommen war, wäre ich nicht im Traum auf die Idee gekommen, dass mit feuchtem Keller wirklich ein muffiger unterirdischer Verschlag gemeint sein könnte, in dem wir nun sitzen. Alle noch etwas verkrampft, alle noch in den Wehen eines vielleicht doch vielversprechenden Abends.

"Ein Kurzer dazu wär natürlich wie Weihnachten," versuche ich, wenn schon nicht die Situation, so doch mich zu retten. Die folgenden Blicke zeigen aber nur Unverständnis, mit dem auch ich mich quäle bei dem Gedanken, ob der Scheich sich mit Gottes Hilfe zum Sieg würfelt, denn schließlich ist er blind und kann Spielfeld und Figuren eigentlich nicht sehen. Aber was soll's, ich freue mich über die unerwartete Einladung und das Freibier.

Mit den anderen gut befreundet scheint auch der vierte Spieler, nennen wir ihn sinnigerweise Mister Rot. Ein sympathischer Mittfünfziger, der aussieht als würde der Keller aufgrund seiner so muffeln. Er lacht, er würfelt, scheint sich um das Spiel nicht besonders zu kümmern, doch er nuckelt auffällig langsam an seiner Flasche, was meine spontane Sympathie für ihn etwas schmälert.

Und dann gibt es seltsamerweise noch einen Fünften, der nicht mitspielt. In seinem weichgspültem Trainingsanzug wirkt er auf mich wie der Schiedsrichter und so ist er auch jener, der am meisten Interesse zeigt an unserem Brettspiel. Gleich zu Beginn hatte ich mir von ihm eine Ermahung eingefangen, für meine mangelnde Konzentration. "Sie haben Fünf gewürfelt. Also müssen Sie auch fünf Felder vorziehen." So weit, so gut, so trocken, so schlecht. Er trinkt wie auch der Scheich keinen Tropfen und im Gegnesatz zu diesem nicht mal Wasser. Ich kenne ihn nicht und will das auch weiterhin so halten, und doch wünsche ich ihm schon die Schuppenflechte nicht nur an den Hals.

Brettspiel ist nicht meine bevorzugte Abendunterhaltung. Wenn schon würfeln, verknüpfe ich das gerne mit daraus resultierendem Trinken. Trinkspiele also, wie im alten Europa. Eine Fünf korreliert in meiner Raumzeit mit fünf Bier oder wenigstens fünf Schluck Bier. Doch ich weiß mich als Gast zu verhalten und bin an anderen Kulturen wie diesem Gremium hier durchaus interessiert. "Do as the Romans do, egal wo du bist," sag ich immer. Und so nimmt der Abend seinen Lauf ohne grössere Stockungen und Staus im Alkoholfluss meinerseits. Ottfried hat auch das mit den Kurzen inzwischen verstanden und ich darf mich inzwischen selbstständig aus der Bommerlunderflasche im Regal bedienen. Für mich ein Maikäfergetränk, weil es mich an Pommernland und meinen inneren Frieden erinnert. Dem Schiedsrichter scheint es nicht so zu gefallen, weil ich des öfteren vom Nachschenken nicht rechtzeitig zum Würfeln am Tisch zurückkehre. Selbst mein Scherz, dass Nachschenken doch eine grossartige Nachrüstung für Weihnachten wäre, lockert seinen Missmut keineswegs.

Auch bei Ottfrid und Mister Red summieren sich inzwischen die Promille und so werde ich, nach Stunden zwar, aber doch höflich nach meinem Namen gefragt. "Maria, Maria Becker, wie der Bäcker nur mit e wie Semmel. Und vorne eben wie die Mutter von Jesus. Unten übrigens auch." Ein Kalauer, so flach wie meine Brüste, hat zwar selten Reichweite, aber er erreicht den lauschenden oft da, wo er es nicht vermutet. Kneipenpsychologie von der der Schiedsrichter so einiges lernen könnte, denn die darin vermittelte Unbekümmertheit erzeugt das Gefühl, dass man gefahrlos mit allem antworten könnte.

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"Ich bin Offrid." Da zeigt der Genuss also schon seine oftmals fatale Wirkung. "Das ist," damit wird nun auch Mister Red enttarnt, "Hänschen, aus ihm wurde Hans, ne, Spaß, aus ihm wurde Volker-Ernst.Wir kennen uns noch aus Frankfurt und schließlich von Briesen, Objekt 24. Zudem sprechen wir beide ganz anständig palästinensisch."

"Ach, Staub." Das erklärt dann auch, warum er sein Bier nicht so richtig runterzubekommen scheint, das dann aber doch augenblicklich in seine Gehirnzellen einzusickern scheint. Ich gönne mir noch ein paar Schluck und versinke wie so oft im Akt des Trinkens, so dass ich vom Namen des Scheichs nur noch den letzten Teil mitbekomme "... Rahman. Ist zum ersten mal dabei, bei unserer geselligen Brettspielrunde. Wie Sie ja auch." "Maria, Offrid, also Du, nicht Sie." "Wie Du ja auch, Maria." "Also, Offrid," ich fühle mich zu diesem Versprecher geradezu hingezogen, "Ernst, Rahman und ...?" Ich schiele zum Schiedsrichter. "Er ist unser Handler." Klar, wenn bei fünf Leuten nur vier einen Namen besitzen, klappt das ja trotzdem. "Mister Handler." Ich versuche ihm bei aller Abneigung zumindest einen Titel zuzusprechen. "Ja, er ist der Spielleiter."

"Darf ich nochmal vom Bommerlunder, Offrid?" Ich warte nicht auf die Antwort, denn bei mir dämmert da eine Ahnung, so dunkel wie keine nächtliche Sonnenfinsternis sein könnte. "Du willst mir doch nicht sagen, ich sässe hier mit dem ersten Teil der Hepp-Kexel-Gruppe, der dritten Generation der RAF und dem angeblichen Urheber des WTC-Anschlags '93 an einem Tisch? Dann wäre der Spielleiter ja zwangsläufig die NATO und die westlichen Geheimdienste in einer Person?" "Ach, Maria, Du sitzt hier mit Offrid, Hänschen, einem blinden Mann im Pyjama und unserem Personal Trainer beim Mensch-ärger-dich. Nicht?" "Wahr, allzu wahr. Was haben wir denn noch an Bommerlundervorräten?"