Freitag, 18. September 2015
Bierealismus - eine quantenphysikalische Herangehensweise an die Wiesn 2015
Die Brunzzeit der Männchen und somit die Brunftzeit der Weibchen steht vor der Tür. Noch lähmt die Vorwiesenspannung die Stadt mit Herz und Baustelle. Alles muss fertig werden, solange alle noch in den Sommerferien sind. Die Straßen sind leer, aber unbefahrbar. Und in dieses Vakuum sieht sich nun die syrisch-afrikanische Völkerwanderung hineingesaugt. Hinein in eine Stadt, wo alle, die weder saufen, noch 10 Euro fürs halbe Hendl ausgeben, für zwei Wochen eigentlich nichts zu suchen haben.

Die grossen Themen der Wiesn 2015 sind also Sex, Bier und Flüchtlinge, wobei sich Letzteres von selbst geben wird, sobald der öffentliche Verkehr wieder funktioniert. Warum man mit tausenden von Flüchtlingen pro Tag nicht fertig wird, wenn anschließend gleich 5 Millionen in zwei Wochen nachrücken, das ist mir unerklärlich. Doch um das nicht unnötig anzuheizen, habe ich meinen Sonderbericht vorübergehend zurückgezogen. Nicht zwangsweise, um eine Geisel damit freizupressen, sondern einfach nur, weil ich meinem geliebten München in den Tagen der Völkerwanderung beistehen und ein Bärchen zuwerfen möchte. Legen wir das Thema Flüchtlinge schon mal zu den Akten und die Bodentruppen auf Eis.

Bier trinkt man vorwiegend, wenn irgendwie möglich weder mit Eis noch im Liegen, aber Niveau ist trotzdem eher störend. Ganz diesem Niveau folgend präsentiert sich der neue Wiesnmasskrug 2015. Das Wiesnlogo vereint die großen Themen 2015. Alles quillt und bordet über, ergießt sich über das, was es halten soll. Wenn das nicht für Sex, Bier und Flüchtlinge steht, dann hol mich der Teufel.

Wie üblich in den neuen Trachtenfarben multicolor springt uns also ein überschäumender, viereckiger Masskrug an.

Schräg wie der Turm von Pisa, aber oben erinnert er an die Frauenkirche oder an zwei opulente Brüste, einen ejakulierenden Doppeldildo. Der schiefe Krug von München. Der Schaum quillt über als hätte der Tischnachbar heimlich ein Salzfassel reingeschüttet. Auf dem Krug selbst perlt der Schaum nur ab, während er sich über den Henkel ergießt. Auf der Wiesn kann man froh sein, wenn das Bier innen überhaupt bis über den Henkel eingeschenkt ist. Und selbst wenn man ihn überfüllt, verhindert eben dieser Henkel, dass höchstens der Krug, aber niemlas er nass wird. Selbst bei zwei weitgetragenen Wiesnmass kann es passieren, dass sie keinen ganzen Krug füllen. Der hier sichtbare Masskrug wurde niemals von einem professionellem Schankwirt gefüllt und widerspricht allen Regeln der Schulphysik. Aber im Möglichkeitsraum der Quantenphysik ist das neuerdings alles möglich.

Auch bei näherer Betrachtung der Besucher- und Bierstatistik möchte man glauben, dass uns auch hier die Wirklichkeit ein Schnippchen schägt. Die Welt quillt über, nur auf der Wiesn sind seit 1980 die Besucherzahlen, rund 6 Millionen, nicht mehr gestiegen. Da traut man seiner eigenen Presse nicht mehr. Selbst der syrische Faktor wird es 2015 wohl kaum rausreissen.

Allerdings wurden rund zwei Millionen Massen mehr wurden getrunken (6 Millionen statt 4) und folgerichtig laut Fundbürostatistik 2014 auch doppelt so viel verloren. Das versöhnt dann doch etwas.

It's a moving world. Desshalb möchte ich Ihnen nach der versalzenen Mass auch noch den Bierealismus und das Beerboarding vorstellen.

Ich drück mich immer so negativ aus übers Oktoberfest. Aber das stimmt nicht. Es hat schon seine guten Seiten. Es dauert nur zwei Wochen und es dient dem Frieden der Völker und Individuen. Und weil es dieses Jahr wirklich schwierig ist, will ich mich der Zumutung 2015 mal wohlwollend annähern.

Da man in Bayern das Bier zu den Grundnahrungsmitteln zählt, ist das Oktoberfest kein Krieg der Krüge, keine Massenvernichtungswaffe, kein Ende, sondern ein Anfang. Ein Anfang vom Herbst zumindest und der Anfang einer neuen Brausaison. In den Zelten und drumherum bekommt man bekanntlich ja nicht das neue Bier, weil das alte eben erst weggesoffen werden muss, der alte Schlaz vom März. Die Einheimischen, die Hiesigen, die dessen nicht mehr Willens sind, locken hierzu Millionen von Ausländern, also Franzosen und Preussen heran, um des Werkes Herr zu werden. Die Todfeinde werden durch den Malzgeruch ins Land gelockt und besoffen gemacht.

Zum besseren Verständnis der Vorgänge in meiner Heimatstadt spreche ich glücklicherweise mehrere Fremdsprachen. Österreichisch, Ober- und Unter-, sowie Tirolerisch, Gastro-Italienisch und Bayrisch in Sprache. In rund einem Dutzend Sprachen bin ich in der Lage, meinem Tischnachbarn das Trinken beizubringen. Als tote Sprache beherrsche ich auch noch das Althochdeutsche. Ehrlicherweise sollte man im katholischen Bayern das Schweigen als zweiten Dialekt bezeichnen. Aber Hochdeutsch, die Sprache des Teufels, nur in Schrift, niemals! in Sprache. Nie. Wenn mir Schrippen oder Buletten angeboten würden und werden, lieber verhungerte ich. Solange wir die preussische Besatzungsmacht nicht unter den Tisch gesoffen haben, muss der Bayer weitertrinken, und mehr. Ich finde, man könnte die Altersgrenze beim Trinken locker runtersetzen, wenn nicht gar ganz aufheben. Dann hätte sich die Kinderwagenproblematik in den Zelten gleich miterledigt.

Auch die Promillegrenzen sollten während dieser 17 Katastrophentagen, in denen schon der Biergehalt in der Stadtluft bedenkliche Grenzwerte erreicht, doch bitteschön für die, die darin hausen müssen, zeitweise erhöht oder aufgehoben werden. Andererseits könnte man die Stadt mit Verkehrsschildern, Typ Wildwechsel, pflastern.

Es sind die einzigen Wochen in denen Deutschland vor einem Bürgerkrieg sicher ist.

Man lädt, wie in alter griechischer Tradition, den Gast zu einem Gelage, um ihn unter den Tisch zu saufen und betrinkt sich gleichzeitig selbst bis zur Bewusstlosigkeit. Das schafft Vertrauen. Wesshalb die Wiesenzelte auch keine Fenster haben. Die rollige Brunft säuft sich in den Winterschlaf, in den sie wenigstens ein gebrochenes Herz mithineinreissen möchte. Da will man unter sich sein. Freud würd heute auf einer Bierbank therapieren, nicht auf ner Couch, bei all den Hyperaktiven.

Während dieses Friedensfestes zum Sommerausklang so frei von der Leber zu schreiben, das ist München, das ist Freistaat, wie ich ihn kannte. Liberal solange es Bier gab. Da bekommen auch die Leser noch was vom Rausch mit. Mit "Texte für ein Bier+" will ich sagen, dass man dem Rauschedikt der bayrischen Staatsregierung folgend mindestens ein Bier getrunken haben sollte, ehe man sich an den Text macht oder ihn liest.

Weil ich denke, dass der Frieden, der hier so hochheilig zelebriert wird, sich noch steigern lässt, wenn man ihn freilässt, wie eine weisse Taube in den blauen bayrischen Himmel, weil ich all die in Bierzelte verpackte Energie des Friedens der gemeinsamen Freude freisetzen will, sehe ich den Bierealismus (engl.: beerealism), wie er von münchenkotzt ins Leben gerufen wurde, als bisher einzige Kunstform, die ins Herz der heiligen Wiesn vorgedrungen ist. Der Bierealismus ist die quantenphysikalische Herangehensweise an die Dichtungen und Verdichtungen im Möglichkeitsraum des Rausches. Sollten Sie mal sehen, wie weit sie mit einem Kochkurs in der Wüste kommen, Trinken steht da an erster Stelle. Wenn Sie Bier haben, reicht Ihnen Sand als Ergängzungnahrung, wegen der Ballaststoffe. Lieber mal ein Trinkbuch, denn auch das will gelernt sein. "Ein Quanterl" zu viel, wie der Bayer sagt, von dem goldenen Nektar und schon ist es geschehen: Im Raum der Möglichkeiten entstehen Mauern. Ein sich Abdichten gegen die Aussenwelt. Das sogenannte Tao der Wiesn: Das Nichts du denken.

Wer auch immer gesagt hat, die Wahrheit sei die Erfindung eines Lügners, hätte meines Erachtens den Friedennobelpreis 2007 im Gegensatz zu Al Gore's Powerpointpräsentation verdient. Was hat denn Klima mit Frieden zu tun, wenn man Zelte hat. Jeder verfolgt so seine Wunschrealität. Als Anhänger des Morgenthau-Plans, aus Deutschland einen Agrarstaat zu machen, kann ich einer Wiesn, die einer erstklassischen Landmaschinentechnikausstellung Konkurrenz macht, reichlich wenig abgewinnen. Es geht mir keineswegs um die Konsumform oder -menge, sondern vielmehr um den Preis. Handelte es sich um Freibier, würde ich die Wiesn mit meinem Leben verteidigen. Es ist eben immer eine Art Wunschrealität. Selbst die Bilder, mit denen wir Ihnen die Wahre Wiesn präsentieren, sind mit professionellen, tariflich bezahlten Schauspielern in oft tagelangen Kneipenmärschen entwickelt worden.

Wir versuchen uns auch von bulemischen Triebtätern zu distanzieren, die kotzen, wenn die Klappe fällt. Wiesnberichterstattung ist was für moralische Profis. Neben Bier und Sex ist Anstand unsere dritte Grundtugend.

Am Grunde eines Kruges sehe ich es schwinden das Oktoberfest. Denn nicht nur dieser geht zum Brunnen bis er bricht. Ich seh schon die Schlagzeilen: Beerboarding - Merkel lockt hunderttausende Assad-Truppen aufs Oktoberfest.

"Wenn wir jetzt anfangen, uns noch entschuldigen zu müssen dafür, dass wir in Notsituationen ein freundliches Gesicht zeigen, dann ist das nicht mein Land". Dann wäre es jetzt wohl an der Zeit, Frau Merkel, sich mal für eine Stelle als Verwaltungskraft auf Lampedusa, in Nordafrika oder an einer Aussenstelle des Bundesamtes für Migration in Kabul zu bewerben.
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