Freitag, 7. November 2014
Der Alltag als Kunde
A99 kurz vor der Eschenrieder Spange, 6:30, die Scheibe von innen so nass wie die Straße. Mein Gemüt so glühend heiß wie meine Bremsscheiben. Seit ich die Vorrichten schon am Vorabend höre, hör ich die Morgennachrichten nur noch selten. Endlich herrscht absolute Ruhe in meiner Fahrgastzelle. Da kann ich mich dann besser auf die wunderschöne Landschaft an der Autobahn konzentrieren. Einer der wenigen Orte, wo sich Menschen ungern ansiedeln. Ein Paradies für schwermetallverträgliche Tiere und Pflanzen.

Ist schon bezeichnend, dass man in einem Land, wo man noch gratis auf der Autobahn fährt, zu einem erheblichem Jahresbeitrag für Radio wie Fernsehen gezwungen wird, ob man sie nun hört und sieht oder nicht. Ich glaube, dass insgeheim auch unsere größeren Printmedien künstlich am Leben gehalten werden, um weiterhin ihr Gift zu spritzen. Ich könnte wetten, die sind steuerfinanziert.

Am Rande, durch das offene Autofenster an der Ampel, ist mir zu Ohren gekommen, dass die Bahn nun einen flächendeckenden Tarif wünscht und hier nicht jede Gewerkschaft ihr eigenes Süppchen kocht.
Diese Einstellung hätte man sich von Arbeitgebern mal vor 30 Jahren gewünscht, als die Industrie und Politik den flächendeckenden Tarifvertrag auf die Schlachtbank geführt haben. Aber sich selbst die hauseigene Gewerkschaft EVG als Schosshündchen zu halten, das der GDL mal so richtig in die Waden beißt, sowie eine hörige Presse, das hat schon faschistoide Züge, die dann hin und wieder auch bestreikt werden. Einzig die vermaledeite Justiz hält den Streikenden die Fahne. Ich vermute, dass da etwaige Grundgesetze dem Willen der Presse entgegenstehen, bezüglich der Einstellung zu Streik prinzipiell und so.
So ähnlich könnte sich das auch vor gut 80 Jahren, kurz vor der Zeschlagung der Gewerkschaften, angefühlt haben. Nur dass damals eine Scheingewerkschaft wie die Tarifgemeinschaft Christlicher Gewerkschaften für Zeitarbeit und Personal-Service-Agenturen keinen Fuss auf den Boden gebracht hätte. Was soll's.

--- MERKER 1 ---
*Weil das alles immer zu viel zum Lesen ist, so auf einmal, in einem Stück, kann man sich nun den Merker merken usw. Is mal ein Versuch, wegen der vielen jungen Leser, denen bei mehr als 30 Zeilen schlecht wird. ---


Das endlich hochgeheizte Auto ist auf dem nassen Laub noch nicht ganz in die Parklücke gerutscht, schon bewegt sich der erste Störenfried, der als Frührentner nur desshalb heute aufgestanden ist, um mir das Leben madig zu machen. Als Handwerker ist man stets auch Sozialarbeiter an vorderster Front. Jemand, der sich Handwerker und selbst den Pizza-Service nur desshalb ins Haus ruft, um seinen Missmut und sein armseliges Dasein über die Bestellten auszuschütten. Die Polizei geht bei seiner Nummer schon garnicht mehr ran. Das seh ich auf 100 Meter durch die nun klaren Autoscheiben.

"Ich bin nur der, der das Objekt aufnimmt, fotografiert und bisschen rumbuddelt. Ich bin der Fahrer. Zum Machen kommt dann mein Kollege. Der Fachagrarwirt Dr.Dr.Prof. schiess mich tot, ein Mann mit so vielen Titeln, dass man sich anfangs frägt, ob da überhaupt noch ein Name dahintersteht."
Er holt überrascht Luft. Ich nütze die Chance.
"Ich bin nur der Fahrer, die Vorhut. Aber später kommt der, der das geballte Wissen eines Faust sich beiläufig beim Frühstück reinzieht und während des Autofahrens Japanisch lernt, wegen der Ziergärten, Sie wissen schon, japanische Ziergärten, wo der Kirschbaum neben der lateinischen Klassifikation noch etliche japanische Bezeichnungen trägt. Wie ..."

--- MERKER 2 ---

Er wartet, ich also weiter.
"Selbst mir geht "雲の外に石が落ちる." schon ganz locker über die schmalen Lippen. "Aus der Wolke fällt ein Stein." Wie mein Kollege aus dem noch Nichts gleich ein Alles zaubern wird. Ich bin nur das schwache Licht, das dem Schall vorauseilt. Also stellen Sie mir bitte keine Fragen."

Er zieht grummelnd von dannen, ich hol noch Mehlspeisen vom Bäcker, so dass ich nicht zurück bin, ehe es meinen verspäteten Kollegen in den Schlund dieses schwarzen Lochs namens Kunde gezogen hat.

Die Knochen tun mir weh und mein Kreuz. Letzteres nicht wegen der Arbeit, sondern wegen so einem Vollidioten, der meint, schon 100 Meter vor dem Schild auf 120 runterbremsen zu müssen. Und mir haut's die gesammelte Ladung Hilti und Flex hinten in den Fahrersitz. Da möchte man ihm augenblicklich seine Bremslichter mit der entsicherten Akku-Nagelpistole ausschießen. Morgens um halb 7. Arschloch.

--- MERKER 3 ---

Aber ... ich sehe den Alltag als Kunde, als Primärkunde. Ich behandle ihn stets mit Respekt, egal was ihm so einfällt. Ich bin Profi. Ich bin der Fahrer. Ich bin der, der mit jedem Kontakt hat und hält. Ich verbinde, und trenne, wenn es sein muss. Und drück auch mal aufs Gas für gute Kunden, wie mich selbst. Und beim gemeinschaftlichem Grillen, der Generalversammlung, wenn sich alle beim Fahrer, also mir, zum Fußballschauen treffen, wird klar, warum beim Handwerk, der Fahrer der heimliche Chef ist, wie bei schlechten Firmen der Hausmeister.

Als ich zurückkomme, hat mein Kollege den mißmutigen Sekundärkunden bereits abgehandelt und wir können samt der ausgewählten Mehlspeisen, dem eigentlichen Grund, warum es sich in Bayern zu leben lohnt, weiter zum nächsten Termin. Zeitfahrt, wie beim Radrennen, nur mit vier Rädern im Berufsverkehr, ein Zeitrennen mit Hindernissen. Doch der Motorblock scheint mit mir nicht kommunizieren zu wollen. Er macht keinen Mux. Deus ex machina. Karre im Arsch. Marderfrass und Wintersalz brechen selbst die stärkste Karosse.

Der Alltag hat erneut zugeschlagen und wir können nachhause fahren, wenn es zu der teuer erstandenen Fahrkarte nun auch noch einen Zug gäbe. Für Autofahrer ist es eben nur eine Radiomeldung, doch für den Fahrgast ist Streik dann doch bitter und fast schon unalltäglich real.

Auf so einen Scheisstag muß man angemessen reagieren. Ich nehm mir jetzt nen Monat Urlaub und spiele Video COD7, Ballerspiel, komme was wolle. Ein Monat durch online zocken bei guter Ping-Rate. Am letzten Tag geh ich vielleicht zur Rückgewöhnung mal spazieren. 30 Tage Pizza. Nicht waschen, nicht Fensterputzen, Blumen sterben lassen. Is eh Winter und sieht man dann besser wie Scheiße es draussen so ist.

Weil ich das schon kenne, hab ich mir zudem einen kleinen Strompuffer zugelegt, so ne Art Kleingenerator, falls mal der Strom ausfällt. Wenn die Lichter auf der Strasse ausgehen und nur noch der Monitor die Nacht erleuchtet. High Noon zur Geisterstunde.
Da scheiß ich auf Karibikurlaub, wo ich nachts garnichts sehe, obwohl überall Generatoren brummen. Und Wellenrauschen hab ich auch über Kopfhörer in 3D. Schön gleichmässig, so dass man nicht den Atem anhalten muss, weil mal ne Welle ausfällt. Ne, schöne Strände sind für mich als Nachtmensch sowieso nichts. Da merkte ich nicht mal,

--- MERKER 4 ---

würde vor mir ein Wal stranden. Der Alltag is schon ne ganze Menge, da brauch ich nix Besonderes extra, wie Waltag. Danke, trotz beschissenem Streik und noch beschissenerer Karre. Ich denke da positiv und freu mich schon wieder auf einen neuen Tag, Kundenalltag, voller Vollidioten, voll von Volleridioten und noch mehr Vollstidioten. Einfach supi. Dafür lebt man, als Katholik in Bayern. Und für die Mehlspeisen. Prost, Mahlzeit, Amen.
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